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01-02 | 2019

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EnergieForum Bild 1 Die Wüstenluft erfordert besonders groß dimensionierte Ansaugvorrichtungen. Bild 2 Pressetermin in der Leitwarte. Ein wesentlicher Teil des Auftrags bestand in drei schlüsselfertigen GuD- Kraftwerken mit einer Kapazität von je 4,8 GW an den Standorten Beni Suef, Burullus und New Capital. Siemens sollte die Kraftwerke als Generalunternehmer (EPC, Engineering, Procurement and Construction) zusammen mit seinen ägyptischen Partnern Elsewedy Electric und Orascom Construction errichten. Die volle Kapazität sollte 38 Monate nach Abschluss der Finanzierung und Erhalt der Vorauszahlungen verfügbar sein. Ziel war es, die nationale Stromerzeugung um mehr als 40 % zu steigern. Um es vorweg zu nehmen: Der Zeitplan wurde um mehr als zehn Monate unterschritten. In Ägypten sind seit Juli 2018 die größten GuD-Kraftwerke der Welt in Betrieb. Mit 14,4 GW Leistung decken sie den Strombedarf für bis zu 40 Millionen Menschen. Jedes der drei Kraftwerke ist mit acht Gasturbinen, vier Dampfturbinen, zwölf Generatoren, acht Abhitzedampferzeugern, zwölf Transformatoren und einer 500-kV-gasisolierten-Schaltanlage ausgerüstet. Außerdem sorgen sechs neue Umspannwerke für eine zuverlässige Übertragung. Dank der hohen Effizienz der Kraftwerke spart Ägypten jährlich über 1,3 Mrd. US-$ an Brennstoffkosten im Vergleich zu den bisherigen Anlagen. Die H-Klasse: Herz des Kraftwerks Alle drei Kraftwerke sind mit H-Klasse- Gasturbinen des Typs SGT5-8000H ausgerüstet, die mit einer Gasturbinenleistung (Simple Cycle) von 450 MW einen Wirkungsgrad von über 61 % im Combined Cycle erreichen können. Wie alle derzeit von Siemens vermarkteten Gasturbinen arbeiten diese Turbinen rein luftgekühlt. Da – im Vergleich zu dampfgekühlten Gasturbinen – externe Komponenten wie träge Kessel entfallen, können sie rasch auf Lastwechsel reagieren: SGT-8000H-Turbinen weisen Lastrampen bis 80 MW/min auf. Damit eignen sich diese Maschinen für die unterschiedlichsten Anwendungsfelder: als Baseloader bis zum Peaker mit täglichem Start/Stopp- Betrieb. So können sie zunächst die Energieversorgung in Ägypten stabilisieren, lassen sich aber auch problemlos mit den geplanten Windparks und Solaranlagen kombinieren. Zudem eignet sich das Konzept für alle Klimazonen, für Burullus an der Küste genauso wie für die Wüstenregion bei Beni Suef (Bild 1). Entsprechend den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten sind die SGT-8000H in einer Reihe von Kraftwerkskonfigurationen im Einsatz. Neben Singleshaft (1S) beziehungsweise 1x1-Multishaft ist sie in Ägypten in einer 2x1-Konfiguration zu finden. Ein weiterer Vorteil dieser Turbinen ist ihre Flexibilität beim Brennstoff. So kann in Beni Suef einer der vier Blöcke alternativ mit Diesel betrieben werden. Sherif Kotb, Deputy Director Mega-Projects, erläutert: „Das Gelände bietet ausreichend Platz für die Infrastruktur zur Versorgung mit einem Kraftstoff wie Diesel. Sollte es zu einem äußerst unwahrscheinlichen Ausfall der Gasversorgung kommen, kann der Betreiber ad hoc auf Dieselbetrieb umstellen. Der Block liefert 1 200 MW. Das ist als Back-up ausreichend.“ Ein Engpass in der Gasversorgung ist jedoch unwahrscheinlich, da 2015 das vermutlich größte Gasvorkommen im Mittelmeer in ägyptischen Gewässern entdeckt wurde. Einmal erschlossen, wird es das Land zusammen mit anderen Vorkommen für mehrere Jahrzehnte unabhängig von Gasimporten machen. Technik ist nicht alles Von Deutschland aus betrachtet, ist man leicht versucht, das Megaprojekt als großes Exportgeschäft zu sehen: Deutsche Technik – Gasturbinen und Transformatoren stammen überwiegend aus deutscher Fertigung – ist international gefragt. Dass diese Einschätzung viel zu kurz greift, wurde auf einem Pressetermin in Beni Suef klar (Bild 2). Die Quintessenz nach zwei Tagen: Der Erfolg des Projekts ist der Arbeit und dem Teamgeist von rund 24 000 Menschen aus bis zu 70 Nationen geschuldet. Es handelt sich keineswegs ausschließlich um Ingenieure und Techniker. Einige waren schon lange vor dem ersten Spatenstich aktiv, denn Siemens fungierte mit seinen Partnern nicht nur als Generalunternehmer, sondern organisierte auch die Finanzierung. „EPC & Finance“ heißt dieses Modell, das sich bei Investoren wachsender Beliebtheit erfreut. Für die drei GuD-Kraftwerke mussten Kredite in Höhe von 6 Mrd. € in knapp acht Monaten beschafft werden. Die vorgesehenen Kreditfazilitäten, die weitgehend durch Exportkreditversicherer wie Hermes in Deutschland und Dänemark abge- 54 BWK Bd. 71 (2019) Nr. 1/2

EnergieForum Bilder (5): Martin Witzsch Bild 3 Karin Amin, CEO Sales & Customer Operations bei Siemens Power and Gas. Bild 4 Praktischer Unterricht an der Zein Al Abdeen Technical School. sichert sind, werden durch internationale und regionale Banken bedient. Dazu Karim Amin, CEO Sales & Customer Operations bei Siemens Power and Gas (Bild 3): „Finanzierung ist kein ,nice to have’ mehr. Die Kunden möchten Risiken teilen, statt sie ganz allein zu tragen. Bei manchen großen Geschäften wird erst zu einem späten Zeitpunkt über die Gasturbine selbst gesprochen. Was zählt ist, wie die Finanzierung strukturiert wird oder die Sicherheit der Brennstoffversorgung. Die Turbine kommt erst ins Spiel, wenn dies alles gelöst ist.“ Der große Bau Nachdem die Finanzierung gesichert war, starteten die Bauarbeiten. Jeder der Kraftwerksstandorte stellt ganz eigene Anforderungen. In Burullus war es die Küstennähe, die geprägt ist durch Meeresklima und damit aggressive salzhaltige Luft. In Beni Suef ist es die Wüste, die die Region prägt, trotz der Grünzonen direkt am Nilufer. Auf dem Areal musste ein Höhenunterschied von 70 m überwunden werden, wobei der Untergrund schwer einzuschätzen war. Die Bauarbeiter trafen entweder auf extrem harten Fels oder auf Sand. Dazu kam ein weiteres Problem, wie Karin Amin erläutert: „Der Platz sieht gut aus, direkt am Nil, ist aber voller Hohlräume und Höhlen. Das erforderte vor Baubeginn etliche Probebohrungen.“ Allein in Beni Suef betrug der Aushub 1,7 Mio. m 3 . Die Herausforderungen und Schwierigkeiten, die die Bauten mit sich brachten, genügen für eine ganze Serie von Artikeln. Eine Tatsache soll jedoch nicht unerwähnt bleiben: Großbaustellen, insbesondere in Gebieten wie dem Nahen und dem Mittleren Osten oder Nordafrika, genießen keinen guten Ruf, was die Sicherheit angeht. Nicht ohne Stolz präsentiert Elsewedy Electric hierzu folgende Statistik für das Kraftwerk in Beni Suef: Trotz 42 Millionen Mannstunden waren kein einziger Todesfall und nur drei LTI-Unfälle zu beklagen. LTI steht für Lost Time Injury, das heißt, die Verletzung war so schwerwiegend, dass das Opfer für einige Zeit nicht arbeitsfähig war. Das Unternehmen führt dies auf hohe Sicherheitsstandards und umfangreiche Schulungsmaßnahmen zurück. Ressource Wissen Neben der Technik im engeren Sinn und der Finanzierung machte die ägyptische Regierung auch Schulungen und Wissenstransfer zu einem Vertragsbestandteil. Die Qualifikation möglichst vieler ägyptischer Partner war ein erklärtes Ziel der Auftraggeber. Auch dies war ein kleiner logistischer Kraftakt. Es macht einen Unterschied, ob man ein Dutzend Seminarteilnehmer für ein bis zwei Wochen in einem Hotel unterbringt oder an einem Ort kurzfristig geeignete Unterkünfte für 600 Leute über drei Monate bereitstellen muss. Zu diesen 600 kamen noch rund 6 000 Techniker, die in Ägypten geschult wurden. Allein die Auswahl geeigneter Kandidaten war schwierig. Bewerber gab es viele, leider brachten nur die wenigsten die erforderliche Qualifikation mit. Damit sich dies mittelfristig ändert, investiert Ägypten in sein Bildungssystem. Vorbild ist dabei unter anderem Deutschland. So entstanden und entstehen mehrere Schulen und Trainingszentren für unterschiedliche Altersgruppen und Qualifikationen mit Unterstützung der deutschen Regierung. Eine davon ist die Zein Al Abdeen Technical School, deren dreijährige Ausbildung in Mechatronik und Elektrik sich eng an dem deutschen Modell der dualen Ausbildung orientiert. Sie liegt in einem ärmeren Viertel Kairos, wo sie weniger begüterten Kindern eine große Chance bietet; vermögende Familien bevorzugen Privatschulen und internationale Universitäten. Die Ausstattung der Unterrichtsräume wurde von Siemens gesponsert, die Schule gehört jedoch dem ägyptischen Staat. Deshalb beträgt das Schulgeld auch nur wenige Euro pro Jahr. Eigens ausgebildete Lehrkräfte sorgen für einen praxisnahen Unterricht. Die Schüler üben mit Originalbauteilen, die sie später beispielsweise in einem Kraftwerk vorfinden (Bild 4). Natürlich sind Drücke und Spannungen so modifiziert, dass die Jugendlichen sie gefahrlos bedienen können. So stehen die Chancen gut, dass die großen Infrastrukturmaßnahmen nicht nur vorübergehend mehr Wachstum und Konsum hervorbringen, sondern zu einer nachhaltigen Entwicklung des Landes beitragen. i Martin Witzsch, freier Journalist, Erlangen info@witzsch.com BWK Bd. 71 (2019) Nr. 1/2 55

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