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06 | 2019

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Stromnetze standen.

Stromnetze standen. Niemand glaubt mehr, die Kupferplatte sei die Lösung. Wenn man aber die Bestandsnetze unter Nutzung der Sektorenkopplung so weit wie möglich ausnutzen will, geht das nur über alle Spannungsebenen und Druckstufen hinweg – und wenn man auch den aktuellen Systemzustand kennt. Das erfordert notwendigerweise den Einsatz von Sensorik und Aktorik in den Netzen, und das muss auch finanziert werden. In einem Übergangszeitraum, in dem solche Lösungen eingebaut und ans Laufen gebracht werden, benötigen wir zudem zusätzliches Personal dafür. Zumindest für diese Phase brauchen wir einen intelligenteren Regulierungsansatz. Automatisierung bedeutet immer auch Personalreduktion, aber erst perspektivisch. Zugleich wird das Ganze so laufen müssen, dass es volkswirtschaftlich und für den Kunden tragbar ist. Es wird also schon einen gewissen Deckel geben müssen, damit es finanzierbar ist. Aber eben, wie Herr Fette gesagt hat, mit Blick auf die Zukunft ausgerichtet. Welche Rolle spielt das FNN beim Transformationsprozess der Netze? Küppers: Das FNN ist der Ersteller von zukunftsorientierten technischen Anwendungsregeln. Unsere Aufgabe ist es zum einen, zu antizipieren, was in fünf bis zehn Jahren auf uns zukommt. Die Regeln müssen das Handwerkszeug bereitstellen, mit dem Netzbetreiber, aber auch deren Kunden ihren Beitrag für das System leisten können. Da beim FNN Erzeuger, Hochschulen und Hersteller sowie Netzbetreiber an einem Tisch sitzen, entstehen praxisnahe Lösungen mit Blick auf das Gesamtsystem. Das ist eine komplexe Aufgabe, zumal immer Menschen mit bestimmten Interessen involviert sind. Ich bin stolz, dass das FNN trotz mancher kleinerer Probleme die Gridcodes auf den Weg gebracht hat, übrigens mit am schnellsten in Europa. „Wir blamieren uns, wenn wir jetzt nicht endlich liefern“ Die intelligenten Messsysteme sind ja ein Spielfeld des FNN. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz dort aus? Küppers: Das Thema intelligente Messsysteme verfolge ich seit mehr als acht Jahren aus nächster Nähe. In zwei Wochen erlebe ich meinen dritten ZMP-Kongress, und ich darf zum dritten Mal verkünden, dass wir immer noch nicht da sind, wo wir sein wollen. Deswegen meine Botschaft: Wir blamieren uns als gesamte Branche, wenn wir jetzt nicht endlich liefern. Deshalb müssen wir alle Kräfte bündeln. Die Geräte müssen jetzt an den Start, ob einem das gefällt oder nicht. Wir brauchen möglichst schnell die Markterklärung, das heißt, dass drei zertifizierte Gateways verfügbar sind und der Roll out startet. Wir brauchen aber auch einen übergreifenden Plan, wie die Entwicklung weitergeht. Nochmal ein ganz anderes Thema: Deutschland ist ja keine Insel. Und unsere europäischen Nachbarn sind nicht immer glücklich darüber, was im deutschen Strommarkt passiert. Wie erleben Sie die Nachbarschaft? Küppers: Für Westnetz gibt es nur eine geografische Nachbarschaft mit ausländischen Netzbetreibern, keine direkte Netzverbindung. Heute sind allein die Übertragungsnetzbetreiber im Höchstspannungsbereich für den grenzüberschreitenden Stromaustausch zuständig, bei uns in der Region ist das zumeist Amprion. Es wäre sicherlich auch ein Thema für Brüssel, ob es bei den harten Grenzen bleiben muss, oder ob es an geeigneten Stellen nicht sinnvoll wäre, übergreifende Netze auch in den unteren Spannungsebenen zuzulassen. Ich glaube, dass dies der Fall ist. An der Stelle müssen wir den ISSN 1618–193X 71. Jahrgang (2019) Herausgeber Verein Deutscher Ingenieure Impressum Redaktion Dipl.-Ing. Peter von Hindte (Chefredakteur) Tel. 02 11/61 03-526, Fax 02 11/61 03-148 Redaktions-Assistenz: Sandra Schüttler, Tel. 02 11/61 03-124 E-Mail: bwk@vdi-fachmedien.de Redaktionsbeirat Prof. Dr.-Ing. Harald Bradke, Fraunhofer ISI, Karlsruhe Dr.-Ing. R. Maaß, FDBR, Düsseldorf Dr.-Ing. Jochen Theloke, VDI-GEU, Düsseldorf Prof. Dr.-Ing. H.-J. Wagner, LEE, Ruhr-Universität Bochum Prof. Dr.-Ing. U. Wagner, FfE, München Organschaften BWK ist Organ des VDI für Energietechnik, der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) e.V., München, des Fachverbandes für Dampfkessel-, Behälter und Rohrleitungsbau e.V. (FDBR), Düsseldorf, und des Deutschen Dampfkesselausschusses (DDA). In Fortführung der Zeitschriften „Archiv für Wärmewirtschaft“, „Feuerungstechnik“, „Wärme- und Kältetechnik“, „Praktische Energiekunde“ und vereinigt mit der Zeitschrift „Energie und Technik“. Verlag VDI Fachmedien GmbH & Co. KG, Unternehmen für Fachinformationen, VDI-Platz 1, 40468 Düsseldorf Postfach 10 10 22, 40001 Düsseldorf Commerzbank AG, BLZ 300 800 00, Kontonummer: 02 121 724 00 SWIFT/BIC-Code: DRES DE FF 300, IBAN: DE69 3008 0000 0212 1724 00 Geschäftsführung: Ken Fouhy, B.Eng. 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Stromnetze Rahmen anpassen. Unabhängig davon gibt es aber einen internationalen Informationsaustausch beispielsweise darüber, wie man Prozesse im Verteilnetz optimieren kann. „Dekarbonisierung ist eine riesige gesellschaftliche Herausforderung“ Also ist die Energiewende auf einem guten Weg? Küppers: Ich würde sagen: Wir haben eine Situation mit großen Herausforderungen vor uns. Den Begriff Energiewende würde ich gar nicht mehr benutzen, sondern von der Dekarbonisierung des Energiesystems sprechen. Das ist in Summe eine riesige gesellschaftliche Herausforderung. Und sowohl das FNN als auch große Player wie die Westnetz haben die Aufgabe, Lösungen zu suchen und Umsetzungspfade aufzuzeigen. Und für uns Ingenieure besteht zugleich immer die Herausforderung, dass diese Lösungen nicht nur funktionsfähig, sondern auch kostengünstig sein müssen. Fette: Was mir in diesem Kontext auch unter den Nägeln brennt, ist das Personalthema. Wir brauchen in den Unternehmen Mitarbeiter mit anderen Qualifikationen. Die müssen wir aufbauen. Aber das betrifft nicht nur die Netzbetreiber, sondern auch den Handwerker vor Ort. Denn der muss es auch verstehen und umsetzen. Ich komme nochmals auf die TAR zurück: 80 bis 85 % der Inhalte sind technisch gesehen neu oder Weiterentwicklungen. Eigentlich stehen wir vor der Situation, dass jetzt im Netz keiner mehr arbeiten kann, weil er gar keine Ausbildung dafür hat und die neuen technischen Risiken nicht kennt. „Herausforderungen durch demographischen Wandel“ Küppers: Das würde ich etwas relativieren. Wir sind massiv von dem angesprochenen Effekt betroffen. Westnetz beschäftigt über 600 Auszubildende, pro Jahr werden 160 bis 180 fertig. Die jungen Fachkräfte sind gut ausgebildet, sie kennen Digitalisierung, Sensorik und Aktorik, sind also mit ihren Fähigkeiten gut auf die neuen Technologien vorbereitet. Die größere Herausforderung sehe ich darin, die Kollegen, die schon länger im Geschäft sind, fit zu machen für diese zukünftigen Aufgaben. Parallel müssen wir mit den Effekten des demografischen Wandels fertig werden. Die geburtenstarken Jahrgänge werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren in den Ruhestand gehen. Die müssen ersetzt werden, und Arbeit ist derzeit in sehr hohem Maße vorhanden. Insofern ist es eine große Aufgabe, das Know-how zu erhalten, indem wir ausbilden und gegebenenfalls auch durch Know-how von außen ergänzen. Noch finden Sie bei Westnetz offenbar genügend junge Menschen, die sich bei Ihnen ausbilden lassen wollen. Wird der Fachkräftemangel, über den viele Branchen klagen, zum Flaschenhals? Küppers: Es wird immer schwieriger, Nachwuchs zu finden. Das könnte mittelfristig zum Flaschenhals werden. Im allgemeinen Trend zur Akademisierung gehen uns langsam die Handwerker aus. Das gilt für alle Branchen. Wir werden als Gesellschaft umsteuern müssen, damit wir auch in Zukunft genügend Menschen mit praktischen Qualifikationen haben werden, und dass diese Arbeit auch vernünftig bezahlt wird. Trotz aller Digitalisierung brauchen wir Menschen, die mit den Händen arbeiten, die Anlagen bauen und betreuen. „Das Handwerk braucht notwendige Qualifikation“ Fette: Hier sehe ich massive Herausforderungen für das Handwerk, das die dafür notwendigen Qualifikationen haben muss, um die Arbeit regelkonform und in der nötigen Qualität erledigen zu können. Die geforderte Fachlichkeit nimmt immer weiter zu. Ein weiterer Aspekt, den wir noch gar nicht erwähnt haben, sind die Kunden. Welche Herausforderungen stecken für sie in den neuen Technischen Anschlussregeln? Die Kundenseite ist aus meiner Sicht die große Achilles-Ferse, wo auch die Netzbetreiber enorm viel Aufwand hineinstecken müssen, der vom Regulierungssystem nicht honoriert wird. Küppers: Diese Notwendigkeit sehen wir auch. In einem ersten Ansatz wollen wir im FNN ganz allgemein das Bewusstsein für die Herausforderungen im Bereich der Elektromobilität schärfen. Wir haben uns entschieden, als FNN erstmals eine Kampagne zu starten, die als wesentlichen Zweck hat, nicht nur die Fachöffentlichkeit, sondern auch die allgemeine Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Mit der Kam pagne „Backbone“ wollen wir breit aufklären. Was bedeutet es für das Netz, Elektroautos zu laden? Auch um überzogene Sorgen abzubauen. Ein ganz konkretes Beispiel: Sind die Stromnetze für das Laden von Elektrofahrzeugen geeignet? Meine Antwort lautet: Ja! Für die ersten zehn Millionen Fahrzeuge ist das kein Problem, das kriegen wir hin mit intelligenter Ladesteuerung. Wie viele Elektroautos haben wir heute? Von der einen Million, die die Bundesregierung für 2020 geplant hat, sind wir noch sehr weit entfernt. Also, wo ist das Problem? Warum machen wir uns übertriebene Sorgen? Fangt doch einfach erstmal an, dann werden wir die technischen Lösungen bereitstellen – und gegebenenfalls, wenn es denn einmal 40 Millionen Elektrofahrzeuge werden sollten, auch den dafür erforderlichen Netzausbau leisten. „Eigenschaften angeschlossener Geräte rücken ins Blickfeld“ Fette: Wo Probleme mit der Elektromobilität auftauchen können, verdeutlicht folgendes Beispiel: Eine Arztpraxis wandte sich vor kurzem an mich, nachdem die Sprinkleranlage mehrfach die Patienten geduscht hatte. Ein Elektriker prüfte die Anlagen – alles in Ordnung. Wir diskutierten über mögliche Ursachen. Hat sich vielleicht ein Nachbar ein Elektrofahrzeug gekauft? Tatsächlich. Dann ist schon klar, was passiert ist: Die Leistungselektronik der Ladestation kommuniziert ungewollt mit der Leistungselektronik des Behandlungsstuhls oder eines anderen Geräts in der Nachbarschaft. Das System schwingt sich wechselseitig auf, und irgendwann reagiert die Sprinkleranlage, weil sie keinen Eingangsfilter hat, darauf und schaltet durch. Solche oder ähnliche Beispiele finden wir heute an vielen Stellen. Das hat nichts mit der Kapazität des Netzes zu tun, sondern mit den Eigenschaften der angeschlossenen Geräte. Der Netzbetreiber kann gar nichts dafür, dass so etwas passiert, aber er bekommt schnell den Schwarzen Peter zugeschoben, auch weil er in der Verantwortung ist. Herr Dr. Küppers, Herr Dr. Fette, vielen Dank für das Gespräch. i www.westnetz.de, www.vde.com/de/fnn, www.fette-competence-in-energy.com BWK Bd. 71 (2019) Nr. 6 11

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