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06 | 2019

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Energiewirtschaftliche

Energiewirtschaftliche Gesamtsituation Beschäftigung, strukturpolitische Ziele und regionalen Wertschöpfung. Bis 2022 sollen Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke schrittweise in dem Umfang stillgelegt oder über das KWKG umgerüstet werden, dass die Leistung der im Markt aktiven Kraftwerke im Jahr 2022 auf rund 15 GW Braunkohle und rund 15 GW Steinkohle reduziert wird. Das entspricht im Vergleich zu Ende 2017 einem Rückgang von 4,9 GW bei Braunkohlekraftwerken und 7,7 GW bei Steinkohlekraftwerken. Darüber hinaus empfiehlt die Kommission die weitgehende Umstellung von Kohle auf Gas innerhalb der Netzreserve (derzeit 2,3 GW). Insgesamt käme es damit zu einer Reduzierung um mindestens 12,5 GW Kohlekraftwerke im Markt. Somit ergäbe sich bis 2022 bei den Braunkohlekraftwerken eine weitere Stilllegung von 3 GW, wenn man von den 4,9 GW jene fünf Braunkohle-Blöcke abzieht, die ab 2018 in die sogenannte Sicherheitsbereitschaft überführt wurden beziehungsweise noch werden und die von der Kommission mit 1,9 GW veranschlagt werden (netto sind es 1,8 GW). Diese vorgeschlagenen Abstriche ent - sprechen wohl nicht ganz zufällig der Leistungsreduzierung, die sich an den beiden Kraftwerksstandorten Neurath und Niederaußem ergäbe, wenn RWE sich dort künftig auf den Betrieb der drei BoA- Blöcke beschränken und die älteren Blöcke stilllegen würde. Die Beschränkung auf die BoA-Blöcke würde den Braunkohlebedarf aus den noch in Betrieb befindlichen RWE-Tagebauen mindern und damit neue Perspektiven für die Erhaltung des restlichen Teils des „Hambacher Forsts“ eröffnen, um den es im Berichtsjahr 2018 heftige Auseinandersetzungen gab. In ihrem Bericht vermeidet es die Kommission allerdings, bestimmte Kraftwerksstandorte oder gar einzelne Blöcke zu nennen. Auch die Auseinandersetzungen um die geplante Rodung des restlichen Baumbestands, die die Kommission fast zum Scheitern gebracht hätten, werden nur mit einem einzigen Satz erwähnt. Darüber hinaus bittet die Kommission die Landesregierungen, mit den Betroffenen vor Ort in einen Dialog um die Umsiedlungen zu treten, um soziale und wirtschaftliche Härten zu vermeiden. Im Vordergrund steht als Folge der Vorschläge der Kommission für RWE, LEAG, Uniper und andere große Kraftwerksbetreiber sicher die Forderung nach Entschädigungen, wenn sie rentable Kohlekraftwerke vorzeitig stilllegen. Zum Beispiel wird der neue Steinkohleblock 9 im Großkraftwerk Mannheim, der vor vier Jahren in Betrieb ging, das Ende seiner technischen Betriebsdauer erst 2055 erreicht haben. Er dürfte sich zwar bis 2038 amortisiert haben, aber gerade dann besonders rentabel sein. Die Kommission empfiehlt, solche Fragen im Einvernehmen mit den Betreibern zu klären, um ein rechtssicheres Vorgehen zu gewährleisten. Bei der Entschädigung seien die bestehenden strukturellen Unterschiede zwischen Braun- und Steinkohlekraftwerken bezüglich der CO 2 -Emissionen, der Betreiberstruktur, der Verzahnung mit dem Bergbaubetrieb und der damit verbundenen Anzahl der betroffenen Beschäftigten zu berücksichtigen. Falls es zu keiner einvernehmlichen Vereinbarung kommt, empfiehlt sie „eine ordnungsrechtliche Lösung mit Entschädigungszahlungen im Rahmen der rechtlichen Erfordernisse“. Die Finanzierung der Entschädigungen habe aus Haushaltsmitteln zu erfolgen und dürfe nicht auf den Strompreis umgelegt werden. „Für bereits gebaute, aber noch nicht im Betrieb befindliche Kraftwerke“ empfiehlt die Kommission eine Verhandlungslösung, um diese nicht in Betrieb zu nehmen. Praktisch geht es dabei um das weitgehend fertiggestellte Steinkohlekraftwerk Datteln 4 von Uniper, in das auch der RWE-Konzern mit einem Strombezugsvertrag involviert ist, den er bisher nicht loswerden konnte. Datteln 4 wurde 2007 von E.on in Angriff genommen und sollte ursprünglich schon 2011 in Betrieb gehen. Wegen juristischer Auseinandersetzungen und technischer Probleme würde das nun aber erst im Sommer nächsten Jahres möglich sein. Dieses Kraftwerk wurde zu einer Zeit geplant und in Angriff genommen, als in Deutschland allgemein ein starker Zubau an fossil befeuerten Kraftwerken für sinnvoll und notwendig gehalten wurde, um den sukzessiven Wegfall der Kernkraftwerke auszugleichen. Für die Jahre ab 2023 hält die Kommission einen weiteren deutlichen Rückgang der installierten Leistung der am Markt agierenden Kohlekraftwerke für erforderlich. Sie verweist dabei auf den „Klimaschutzplan 2050“ der amtierenden Bundesregierung, der die THG-Emissionen der Energiewirtschaft bis zum Jahr 2030 um 61 bis 62 % gegenüber 1990 auf 175 bis 183 Mio. t CO 2 -Äquivalent reduzieren möchte. Zur Erreichung dieses Ziels müsse sich die Leistung der am Markt befindlichen Kohlekraftwerke bis 2030 auf maximal 9 GW Braunkohle und 8 GW Steinkohle verringern. Im Vergleich zu 2017 wäre das ein Rückgang um 10,9 GW bei Braunkohlekraftwerken und 14,7 GW bei Steinkohlekraftwerken. Neben diesen Eckpunkten für den schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038 schlägt die Kommission eine ganze Palette von Maßnahmen vor, die ihn begleiten und abfedern sollen. Unter anderem hält sie es für erforderlich, private und gewerbliche Stromverbraucher vom Strompreisanstieg zu entlasten, der durch die politisch beschleunigte Reduzierung und Beendigung der Kohleverstromung entsteht. Zum Ausgleich dieses Anstiegs sei ein Zuschuss in Höhe von mindestens 2 Mrd. €/a auf die Übertragungsnetzentgelte oder eine wirkungsgleiche Maßnahme erforderlich. Ein Zuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten würde freilich weit mehr den Groß- als den Kleinverbrauchern zugutekommen. Die vier Braunkohle-Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen hatten Anpassungshilfen von bis zu 2 Mrd. € jährlich verlangt, die über drei Jahrzehnte lang gewährt werden. Die Empfehlung der Kommission entspricht ziemlich genau diesen Erwartungen. Allerdings sollen die jährlich 2 Mrd. € zur Bewältigung des Strukturwandels nur zwanzig Jahre lang gezahlt werden. Davon werden 1,3 Mio. € direkt vom Bund für Projekte in den Regionen vergeben und 700 Mio. € den Bundesländern zur Verfügung gestellt. Summa summarum ergibt das 40 Mrd. € binnen zwanzig Jahren anstelle der geforderten 60 Mrd. € binnen dreißig Jahren. Weltenergieverbrauch Im 67. jährlich erscheinenden BP- Statistical Review of World Energy vom Juni 2018 wird für das Jahr 2017 ein Weltenergieverbrauch von 13 511 Mio. t Öläquivalent (entsprechend etwa 19 301 Mio. t SKE oder 566 EJ) ausgewiesen. Dies bedeutet im Vergleich zu den bereinigten Verbrauchsdaten von 2016 einen Anstieg von + 2,2 % (Tabelle 6). Das Wachstum lag damit über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre, der + 1,7 % beträgt. Damit setzte sich die seit Jahrzehnten beobachtende Tendenz einer Steigerung des Welt energieverbrauchs nach dem einmaligen Rückgang im Jahr 2009 weiter fort. Die Verbrauchsdaten des Jahres resultieren als Saldo aus der positiven Wirtschaftslage in bedeutenden Wirtschaftsregionen. Nahezu die Hälfte des 30 BWK Bd. 71 (2019) Nr. 6

Energiewirtschaftliche Gesamtsituation Europa und Eurasia Nordamerika Süd- und Mittelamerika Afrika Naher Osten Asien und Australien Welt insgesamt 2016 [10 6 t OE] Tabelle 6 Primärenergieverbrauch der Welt 2016 und 2017 in 10 6 t oil equivalent (OE). 2 907 2 762 697 438 870 5 586 13 259 2017 [10 6 t OE] 2 948 2 773 701 450 897 5 744 13 511 Änderung 2016/2017 [%] + 1,4 + 0,7 + 0,8 + 2,9 + 3,4 + 3,1 + 2,2 Anteil 2017 [%] 21,8 20,5 5,2 3,3 6,6 42,5 100 Netto-Zuwachses resultiert aus dem Anstieg der Energienachfrage aus China und Indien, gefolgt vom Iran und der Türkei. Da die Entwicklung in den einzelnen Weltregionen unterschiedlich verlief, gab es auch unterschiedliche Entwicklungen beim regionalen Energieverbrauch. Im gesamten asiatischen Raum – mit Ausnahme von Australien –, bei den Staaten im Nahen Osten und in Afrika wurde 2017 ein signifikanter Anstieg der Energie - nachfrage infolge wachsender Wirtschaftstätigkeit festgestellt. Moderate Steigerungsraten gab es in Süd- und Mittelamerika – bei einem gleichzeitigen Verbrauchsrückgang in Argentinien und Trinidad & Tobago. In Nordamerika wurde in Summe auch ein leichter Zuwachs beim Energieverbrauch registriert, wobei Mexiko mit – 2,6 % den stärksten prozentualen Rückgang aufwies und Kanada einen Zuwachs um + 3,2 %. In Europa und Eurasien haben sich die verbrauchssteigernden und -senkenden Entwicklungen in den einzelnen Staaten dahingehend ausgewirkt, dass der Verbrauch gemäß der globalen Tendenzen mit angewachsen ist. Die weltweite Energienachfrage wurde im Jahr 2017 weiterhin mit einem Anteil von 41,5 % von den OECD-Staaten dominiert, wobei sich der Anteil wiederum verringerte, gegenüber 2016 gab es eine Reduktion um – 0,4 %-Punkte. Dagegen stieg der Anteil der Nicht-OECD-Länder auf 58,5 % an. Innerhalb der OECD-Ländergruppe hat Nordamerika mit 20,5 % weiterhin den größten Anteil, während die EU-Staaten nur mit 12,5 % beteiligt sind. Die höchsten Steigerungsraten ergaben sich wie in den Vorjahren mit + 0,4 %-Punkten in den Regionen Asien und Australien, die mittlerweile mit einem Anteil von 42,5 % am Weltenergieverbrauch beteiligt sind. In Afrika wurde + 2,9 % mehr Energie nachgefragt und im Nahen Osten + 3,4 %, die Staaten in Mittel- und Südamerika steigerten die Energienachfrage um + 0,8 %. Der Anteil dieser drei Regionen am Weltenergieverbrauch beträgt jedoch nur 15,2 %. In den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion wurde ein Anstieg um + 0,9 % festgestellt, und in der Gesamtregion Europa und Eurasien verringerte sich der Energieverbrauchsanteil um – 0,1 %-Punkte auf einen Anteil von 21,8 %, während es in Nordamerika zu einem Wachstum der Energienachfrage um + 0,7 % kam. In der Europäischen Union (EU-28) stieg die Nachfrage um + 1,6 % an. Bei der Energienachfrage der einzelnen Länder in den unterschiedlichen Regionen waren auch 2017 wieder als wesentliche Einflussgrößen die jeweilige Wirtschaftsentwicklung und die Auswirkungen der unterschiedlichen nationalen Energie- und Umweltpolitiken maßgeblich bestimmend. Daneben war das Jahr 2017 durch besondere Effekte geprägt, die sich signifikant auf einzelne Länder und ihre Energienachfrage auswirkten, im wesentlichen Naturkatastrophen und politische Unruhen mit instabilen Verhältnissen. Infolge der verhaltenen Wirtschaftsentwicklung und der Krisensituationen traten in wichtigen Ländern ein Verbrauchsrückgang oder eine Stagnation der Energienachfrage auf, wie zum Beispiel in der Ukraine (– 4,6 %), in Aserbeidschan (– 4,1 %), in der Schweiz (– 2,9 %), Mexiko (– 2,6 %), Finnland (– 2,3 %), Südafrika (– 1,6 %), Portugal (– 1,4 %), Dänemark (– 0,4 %) oder Großbritannien und Frankreich (jeweils – 0,1 %). Die weiterhin positive wirtschaftliche Entwicklung in den großen sogenannten Schwellenländern bewirkte dagegen Steigerungen bei der Nachfrage nach Energieträgern. Spitzenreiter waren Estland mit + 13,8 % und Lettland mit + 11,2 %. Signifikant war 2017 wiederum der Anstieg in China mit + 3,1 % und in Indien mit + 4,6 %. Dadurch erhöhte sich der Anteil Chinas am Weltenergieverbrauch auf mittlerweile 23,2 % und liegt jetzt deutlich vor den USA mit 16,5 %. Beide Länder zusammen haben einen Anteil von 39,7 % am Weltenenergieverbrauch und damit einen markanten Einfluss auf die internationalen Rohstoff- und Energiemärkte. Indien steht mit 5,6 % bereits an dritter Stelle, gefolgt von den Staaten der Russischen Föderation mit 5,2 %, Japan (3,4 %), Kanada (2,6 %) und Deutschland (2,5 %). Der in vielen Ländern in den arabischen, südamerikanischen und asiatisch-pazifischen Regionen anhaltende Trend einer stabil steigenden Wirtschaftsentwicklung lässt auch für die nähere Zukunft eine höhere Energienachfrage in diesen Staaten als sehr wahrscheinlich erscheinen. Bei der Nachfrage nach den einzelnen Energieträgern ergaben sich 2017 gegenüber dem Jahr 2016 folgende Veränderungen (die prozentualen Veränderungen beziehen sich auf den Vorjahresverbrauch): > Der Mineralölverbrauch stieg um + 1,4 %, > der Erdgasverbrauch wuchs um + 2,7 %, > der Kohleverbrauch steigerte sich um + 0,7 %, > die Energiegewinnung aus Wasserkraft legte um + 0,6 % zu, > das Energieangebot aus Kernenergie stieg um + 0,9 % und > die Nutzung sonstiger regenerativer Energien wuchs um + 16,6 %. Durch diese Veränderungsraten traten kaum Verschiebungen bei den Anteilen der Energieträger am Gesamtverbrauch 2017 auf (Bild 5): > Der Mineralölanteil verharrte bei 34,2 %, > der Erdgasanteil betrug 23,4 %, > der Anteil der Kohlen reduzierte sich auf 27,6 %, > der Kernenergieanteil blieb bei 4,4 % annähernd gleich, > der Anteil der Wasserkraft reduzierte sich leicht auf 6,8 % und > der Anteil der sonstigen erneuerbaren Energieträger deckte 3,6 % weltweit. Im Zusammenhang mit der weltweiten Diskussion über die Problematik des Klimawandels und den zu ergreifenden Maßnahmen fällt auf, dass der Anteil der kohlenstoffhaltigen Energieträger mit 85,2 % nahezu stagniert und weiterhin den dominanten Anteil am Energieverbrauch darstellt. Dabei hat sich auch noch der Anteil der Kohlen in den letzten Jahren mit Schwerpunkt in den Schwellenländern immer weiter vergrößert. 2000 betrug er noch 25,3 % und ist bis 2017 auf 27,6 % gestiegen, mit zuletzt wieder fallender beziehungsweise stagnierender Tendenz. Diese Entwicklung wird sich voraussichtlich weiter fortsetzen, da in vielen Schwellenländern (verstärkt in Asien und im Nahen Osten), aber auch in Industrieländern, erheb- BWK Bd. 71 (2019) Nr. 6 31

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