Aufrufe
vor 3 Monaten

06 | 2019

  • Text
  • Deutschland
  • Anlagen
  • Energien
  • Leistung
  • Bild
  • Deutlich
  • Erneuerbaren
  • Entwicklung
  • Beziehungsweise
  • Vergleich

Bild: Ørsted

Bild: Ørsted Suction-Bucket-Jacket-Fundament im Windpark Borkum Riffgrund 2. Erneuerbare Energien Mehr denn je ist der zentrale Treiber für den Ausbau der regenerativen Energien der Klimaschutz mit dem im Pariser Klimavertrag vereinbarten Ziel, den maximalen anthropogenen globalen Temperaturanstieg im Mittel unter 2,0 °C zu halten und sogar möglichst auf 1,5 °C zu begrenzen. Letzterer Wert wird von immer mehr Akteuren als der Relevantere erachtet, sodass das Erreichen von Netto-Null-Emissionen an Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 allmählich zum anerkannten Ziel nach dem aktuellen Stand des Wissens und damit auch von immer mehr Politiker als Handlungsleitlinie akzeptiert wird. Im Kontext dieser übergeordneten Zielstellung wurde die Nutzung des erneuerbaren Energieangebots in Deutschland im Jahr 2018 weiter ausgebaut – wenn auch mit deutlichen Unterschieden zwischen den einzelnen Sektoren des Energiesystems. Lediglich im Strom - bereich kam es 2018 zu einer weitergehenden Nutzung des erneuerbaren Energieangebots – und hier vor allem durch die Photovoltaik und die Windenergie. Dahingegen stagniert der Ausbau der „erneuerbaren“ Wärme und des klimaneutralen Mobilitätssektors; bei letzterem kam es 2018 vor allem im Biodieselbereich zu einer begrenzten Zunahme. Insgesamt reicht die bisherige Ausbaudynamik aber bei weitem nicht aus, die für 2030 beziehungsweise 2050 anvisierten Ziele zu erreichen. Das Jahr 2018 war mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 10,5 °C in Deutschland das seit 1881 absolut wärmste Jahr. Im Vergleich zu den Jahren 2016 und 2017 ist dies eine Steigerung um Autoren Dr.-Ing. Volker Lenz, Dipl.-Ing. Karin Naumann, Velina Denysenko, Dipl.-Umweltwiss. Jaqueline Daniel-Gromke, Dipl.- Geogr. Nadja Rensberg, alle DBFZ Deutsches Biomasseforschungszentrum gemeinnützige GmbH, Leipzig, Dr.-Ing. Sebastian Janczik, Bützower Wärme GmbH, Bützow, Prof. Dr. Martin Maslaton, Maslaton Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Leipzig, sowie M.Sc. Jerrit Hilgedieck, M.Sc. Daniel Christ und Prof. Dr.-Ing. Martin Kaltschmitt, Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft (IUE), Technische Universität Hamburg (TUHH). rund 1 °C. Damit lag die Jahresmitteltemperatur um 2,2 K über dem Mittelwert von 1961 bis 1990, und der langjährige Trend liegt mit 1,5 K über dem vorindustriellen Temperaturniveau [1; 2]. Gleichzeitig lagen die Niederschläge nach dem überdurchschnittlich nassen Jahr 2017 2018 um knapp 26 % unter dem Mittelwert von 1961 bis 1990; 2018 war das Jahr mit den viert geringsten Niederschlägen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen [2]. Diese Extremwerte verdeutlichen den immer wahrscheinlicher werdenden anthropogenen Einfluss – und damit den der Treibhausgas (THG)-Emissionen – auf das globale Klima, zumal derartige Wetterphänomene auch in anderen Ländern beobachtet werden konnten. Diese Entwicklung dokumentiert auch der IPCC- Sonderbericht, der ein starkes Votum für die Begrenzung des Anstiegs der globalen Jahresdurchschnittstemperatur auf maximal 1,5 °C über das vorindustrielle Niveau empfiehlt [3]. Auch deshalb wurde im Abschlussdokument des G20-Treffens Anfang Dezember 2018 eine Verpflichtung auf dieses Ziel aufgenommen [4]. Dazu sind aber Netto-Nullemissionen an Treibhausgasen bis 2050 notwendig – und das bedeutet, dass zumindest die Energieversorgung bis dahin auf nahezu ausschließlich regenerative Energien umgestellt werden muss [3]. Die Eindeutigkeit des notwendigen Handels führt auf allen Ebenen zu einem sehr kontroversen Auftreten und Verhalten verschiedenster Akteure. Einerseits gibt es Staaten und Unternehmen, die sich klar zu diesem 100 %- 60 BWK Bd. 71 (2019) Nr. 6

Erneuerbare Energien Ziel bekennen (zum Beispiel Hawaii [5]), während andere den Klimawandel nach wie vor leugnen [6] oder notwendige Präventionsmaßnahmen bewusst verzögern [7]. Selbst in der deutschen Bundespolitik werden derartige Verhaltensmuster beispielsweise am Umgang mit dem Klimaschutzgesetz deutlich [8]. Während das zuständige Umweltministerium (BMU) klare Ziele in Verbindung mit Sanktionen für die zuständigen Ministerien bei Nichterreichung vorschlägt, wollen die dort jeweils zuständigen Minister nur ungern die politische Verantwortung für die Umsetzung der in ihren Zuständigkeitsbereichen notwendigen Maßnahmen übernehmen [9]. Aus dem daraus resultierenden politischen Stillstand folgt, dass der einstige „Musterschüler“ Deutschland die selbst gesteckten Klimaschutzziele von 40 % Treibhausgasminderung gegenüber 1990 bis 2020 aus heutiger Sicht nicht erreichen wird [10]. Ob diese Zielverfehlung – wie im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD angekündigt – bis zum Jahr 2030 aufgeholt werden kann, müssen die kommenden Jahre erst noch zeigen [11]. Rand- und Rahmenbedingungen 2018 hat die Bundesregierung unter Federführung des BMWi den rechtlichen Rahmen, der das Energiesystem definiert, insbesondere mit dem Energiesammelgesetz weiterentwickelt; das ist ein Gesetzeswerk, das in insgesamt 14 andere Gesetze eingreift (zum Beispiel EEG, KWK-Gesetz) [12]. Außerdem wurde auf Basis der Marktstammdatenregisterverordnung ein Webportal aufgebaut, in dem alle Betreiber von EEG-Anlagen gesetzlich definierte Daten für die Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen haben [13]. Demgegenüber konnte das angestrebte Gebäudeenergiegesetz, das die Energieeinsparverordnung und das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz vereinen soll, auch 2018 immer noch nicht verabschiedet werden [14]. Aber auch auf europäischer Ebene kam es zu einer Reihe energiewirtschaftlicher Rahmensetzungen (zum Beispiel Weiterentwicklung des EU-Emissionshandels [15], die Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II) [16], die Governance-Verordnung [17]). Ausgehend davon werden nachfolgend ausgewählte Aspekte vertieft, die 2018 die Nutzung des regenerativen Energieangebots bestimmt haben und nach wie vor beeinflussen. THG-Emissionen [Mio. t] 1 400 1 200 1 000 800 600 400 200 0 THG-Emissionen Klimaschutz Das gegenüber der EU im Rahmen des Kyoto-Protokolls zugesagte Ziel der Bundesregierung für 2020 liegt bei einer 40 %-igen Reduktion aller THG-Emissionen gegenüber 1990. Dieses Ziel soll nach dem Willen der Bundesregierung soweit wie möglich erreicht werden, und parallel dazu sollen bis 2030 Maßnahmen ergriffen werden, um eine potenzielle Zielverfehlung rasch auszugleichen [11]. Darüber hinaus hat sich Deutschland mit der Zustimmung des Bundestages zum Pariser Klimaschutzabkommen verbindlich zur Senkung der THG-Emissionen verpflichtet. Damit wurde das Ziel einer deutlichen Unterschreitung der maximalen Erderwärmung um durchschnittlich 2 °C (Zielwert: 1,5 °C) im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter anerkannt [18]. Diese maximal 2 °C durchschnittliche anthropogen verursachte Erderwärmung bedeutet bei einer Einhalte-Wahrscheinlichkeit von 66 %, dass – bezogen auf das Jahr 2016 – die global maximal noch zu emittierende Treibhausgasmenge ohne Berücksichtigung negativer Emissionen bei rund 890 Gt liegt. Weltweit pro Kopf gleichverteilt ergibt sich daraus für Deutschland beginnend ab 2017 ein Rest-Emissionsbudget von knapp 10 Gt bis 2050 [19]. Mit den 2018 freigesetzten Treibausgasemissionen von rund 866 Mio. t CO 2 -Äquiv. [20] sinkt das noch zulässige Emissionsbudget für Deutschland zur Unterschreitung des Anstiegs der Jahresdurchschnittstemperatur um 2 K bis 2050 auf rund 8,2 Gt CO 2 -Äquiv. Damit reicht dieses von der Bundesregierung völkerrechtlich verbindlich zugesagte Emissionsbudget nach dem derzeitigen Trend rechnerisch nur noch bis Ende 2028 [19] (Bild 1). Zielemissionen 80% Minderung Ziel 2°C mögliches 2°-Szenario 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 Restbudget an THG-Emissionen Bild 1 Treibhausgas (THG)-Emissionen und Ausblick auf verschiedene Szenarien [1; 19]. 2020-… 2030-… 1 400 1 200 1 000 800 600 400 200 Stand In Deutschland konnte im Wesentlichen durch einen im Vergleich zum Durchschnitt sehr warmen Winter sowie den Rückgang der Steinkohleverstromung durch einen deutlichen Anstieg der CO 2 -Preise eine geschätzte Minderung um rund 41 Mio. t CO 2 -Äquiv. beobachtet werden [20]. Daraus resultieren für 2018 Gesamtemissionen von rund 866 Mio. t CO 2 -Äquiv. [20]. Dies entspricht einer Reduktion gegenüber dem Vorjahr von 4,5 % beziehungsweise gegenüber 1990 von knapp 31 % [20]. Diese über dem langjährigen Trend liegende Klimagasreduktion dürfte – abgesehen von dem weiteren Ausbau der regenerativen Energien im Strombereich – auch durch Rückgänge bei der Produktion in energieintensiven Industriebetrieben und durch Lagereffekte bei Öl und Erdgas infolge volatiler Preise begründet sein – und nicht durch erkennbare Einsparungen im Wärme - bereich oder bei einer klimaneutraleren Mobilität [10]. Merklichen Einfluss auf den nur begrenzten Emissionsrückgang hat auch die nahezu unveränderte Kohleverstromung; 2018 ist das Exportsaldo beim Strom gegenüber 2017 nur um rund 13 % auf 52,1 TWh gesunken (2017: 60,2 TWh; 2016: 53,7 TWh; 2015: 51,8 TWh) [1; 10]; und diese Exporte stammen zu nennenswerten Anteilen aus der klimagasintensiven (Braun-)Kohleverstromung und summieren sich auf rund 50 Mio. t CO 2 -Äquiv. [10; 21]. Ausblick Die weitere Umstellung der Stromversorgung auf erneuerbare Energien wird – unter anderem durch das marktgetriebene Auslaufen der Steinkohleverstromung 2040-… 2050-… 0 THG-Emissionen Szenario 2°C [Mio. t] BWK Bd. 71 (2019) Nr. 6 61

Ausgabenübersicht