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11 | 2015

Special Die

Special Die Energieversorgung Deutschlands Kurzfristige Kostenreduktionspotenziale Langfristige Kostenreduktionspotenziale Maßnahme Auswirkung Maßnahme Auswirkung Abbau ineffizienter Geschäftsprozesse OpEx-Reduktion Innovative Betriebsweise CapEx- und OpEx-Reduktion Outsourcing von Geschäfts prozessen OpEx-Reduktion Netzautomatisierung, Netzinnovationen Kooperationen mit anderen Netzbetreiben Optimierung der Instandhaltungsstrategien Optimierung der Abläufe an regulatorischen Vorgaben Weitere Kostenreduktionspotenziale Maßnahme Konzessionsübernahme Verlängerung der Wartungszyklen Betriebsmittel länger nutzen Anfangsinvestition, aber langfristige OpEx-Reduktion OpEx-Reduktion Freileitermonitoring Reduktion des Ausbaubedarfes Verringerung von OpEx, aber Reduktion von Zuverlässigkeit Abhängig von Ausgestaltung des Regulierungssystems Querverbund der Versorgungsnetze Optimierung der Netzstruktur Effizienzsteigerung und OpEx-Reduktion CapEx- und OpEx-Reduktion Auswirkung Synergien, damit OpEx-Reduktion Verringerung von OpEx, aber Reduktion von Zuverlässigkeit Investitionsverzögerung, aber Reduktion von Zuverlässigkeit CapEx = Investitionskosten OpEx = Betriebskosten Tabelle Kostenreduktionspotenziale im Verteilnetz. und die Versorgungsqualität der Energieversorgung gewährleistet werden. Je nach landesspezifischen Rahmenbedingungen, wie dem strukturellen energiewirtschaftlichen Umfeld, der Unternehmensstruktur der Netzbetreiber oder dem Grad der Marktöffnung, werden die Ziele unterschiedlich gewichtet und operationalisiert. In der Folge haben sich im Laufe der Zeit auch unterschiedliche Anforderungen an die Regulierungssysteme ergeben. Infolgedessen und aufgrund von kritischen Auseinandersetzungen mit bisherigen Systemen haben sich in Europa verschiedene Regulierungskonzepte herausgebildet. Anreizregulierung in Deutschland und deren Auswirkungen In Deutschland wird seit 2009 eine Anreizregulierung auf Basis einer Erlösobergrenze angewandt, bei der ein intrinsisch motivierter Anreiz zu Kostensenkungen bzw. Produktivitätssteigerungen auf Seiten der Netzbetreiber angestrebt wird. Grundlegendes Merkmal einer Anreizregulierung ist neben der Entkopplung der regulierten Erlöse von den unternehmerischen Netzkosten zudem die Vorgabe von Obergrenzen für die Kalkulation der Netzentgelte. Dazu wird eine Regulierungsperiode eingeführt, zu deren Beginn eine Kostenprüfung durchgeführt wird. Während der Periode sind die Erlöse unabhängig von den unternehmensspezifischen Kosten und werden über eine Erlösformel festgelegt. Eine Veränderung innerhalb der Periode ist, bis auf vorgesehene Korrekturparameter (zum Beispiel Erweiterungsfaktor oder Qualitätselement), nicht möglich beziehungsweise nicht vorgesehen. Je nach Effizienzgrad der Netzbetreiber im Vergleich zur Produktivitätsvorgabe können so mehr oder weniger Gewinne erwirtschaftet werden. Im Rahmen des deutschen Regulierungskonzeptes wird eine Erlösobergrenze für eine fünfjährige Regulierungsperiode auf Basis der unternehmensindividuellen Netzkosten für jeden Netzbetreiber bestimmt. Bild 2 zeigt die getätigten Investitionen und Aufwendungen der Netzbetreiber in dem Zeitraum von 2007 bis 2014 [3]. Dabei ist seit 2007 in der Gesamtheit der Investitionen und Aufwendungen zunächst ein deutlicher Anstieg erkennbar. Dieser Trend setzt sich auch für die Folgejahre fort, wie unter anderem in einem Gutachten zum Investitionsverhalten für die BNetzA [4] festgestellt wurde. Demnach ist die Investitionsquote seit 2008 im Durchschnitt um etwa 0,2 Prozentpunkte angestiegen. Gerade für die Jahre 2010 und 2011 zeigt sich eine im Durchschnitt höhere Investitionsquote als zu den Vergleichsjahren. Es wird zwar das Vorliegen eines Basisjahreffektes vermutet, also der Ausweitung der Netzkosten in dem Jahr, auf dem die Kostenprüfung beruht, ein unmittelbarer kausaler Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Investitionsquote und der Einführung der Anreizregulierung kann jedoch nicht festgestellt werden. Ein Kausalzusammenhang zu dem Anschluss dezentraler Energieerzeugungsanlagen kann aufgrund eines konstanten Anstieges der Anschlussleistung als auch -anzahl zwar verworfen werden, jedoch können anderweitige Faktoren, wie zum Beispiel alterungsbedingte Erneuerungen im Investitionszyklus, nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Investitionen in die Netzinfrastruktur werden von Netzbetreibern grundsätzlich nur dann durchgeführt, wenn das dabei eingesetzte Kapital eine angemessene Rendite unter Berücksichtigung des Investitionsrisikos für den angeschlagenen Zeitraum erzielt. Sowohl die Rendite als auch die Berücksichtigung des Risikos werden durch unterschiedliche Parameter des Regulierungskonzeptes beeinflusst oder sogar durch die Regulierungsbehörde festgelegt. Den Netzbetreibern bleiben jedoch davon abweichend in einem gewissen Maße Handlungsspielräume bei der Maßnahmenumsetzung im Rahmen ihrer Aufgaben des Betriebs und der Erhaltung der Netzinfrastruktur. Grundgedanke und Intention der Anreizregulierung ist es, kurzfristige Effizienzpotenziale hervorzuheben. Die grundsätzlichen Auswirkungen der Anreizregulierung werden sehr kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite wird durch den Kostendruck die Gefahr gesehen, dass regulierte Unternehmen dazu veranlasst werden, unterhalb des erforderlichen Bedarfs zu investieren und langfristig orientierte Infrastrukturinvestitionen zu vermeiden. Auf der anderen Seite wird der Standpunkt verfolgt, dass die Anreizregulierung aufgrund der Möglichkeit, die Kosten durch Technologien zu reduzieren, zu mehr Investitionen führen kann [5]. Ungeachtet dessen resultiert aus der Einführung einer Anreizregulierung und dem daraus entstehenden Kosten- und Effizienzdruck ein merklicher Bedeutungszuwachs wirtschaftlicher Kriterien einer Investition, wobei die Versorgungsqualität, unabhängig davon, wie die Qualitätsregulierung ausgestaltet ist, weiterhin die maßgebliche Zielsetzung darstellt. Während vor der Liberalisierung eine Investitionsentscheidung im Rahmen der Netzplanung hauptsächlich auf Basis prozessualer Kriterien erfolgte, spielen nun Aspekte wie die Rentabilität einer Investiti- 20 BWK Bd. 67 (2015) Nr. 11

Die Energieversorgung Deutschlands Special on, die effiziente Leistungsbereitstellung und die Kostenreduktion eine ebenso wichtige Rolle. Dabei gibt es für die Netzbetreiber sowohl aus langfristiger als auch aus kurzfristiger Sicht Potenziale zur Kostenreduktion. Während letztere beispielsweise Reduktionspotenziale bei ineffizienten Geschäftsprozessen umfassen, sind erstere meist auf einen Paradigmenwechsel in der Betriebsweise der historisch gewachsenen Netzstruktur zurückzuführen. Darüber hinaus ergeben sich durch die Einführung der Anreizregulierung deutliche Auswirkungen auf die Planungsgrundsätze von Netzbetreibern. Neben den Entscheidungskriterien für Investitionen (Rendite und Effizienz) kann die Ausgestaltung des Regulierungskonzeptes auch einen Effekt auf den Zeithorizont bei der Netzplanung haben. Vor dem Hintergrund einer angestrebten Umgestaltung der Energieversorgung ist ein Regulierungskonzept, das Netzbetreiber dazu verleitet, sich vermehrt an mittel- und kurzfristigen Gegebenheiten zu orientieren und eine langfristige Zielnetzplanung zu vernachlässigen, kritisch zu betrachten. Die Herausforderung ist, die langfristig organisierte Netzplanung auf Basis von Anlagenlebensdauern und Ausbauszenarien im meist kurzfristigen Netzbetrieb effizient regulieren zu können und folglich eine kurzfristig ausgerichtete Optimierung mit langfristig ausgerichteten Planungsgrundsätzen in Einklang zu bringen. Um dieser Aufgabe zu begegnen bieten sich den Netzeigentümern und -betreibern verschiedene technische und betriebswirtschaftliche Handlungsfelder, die ermöglichen, sowohl langfristig als auch kurzfristig Kosten zu reduzieren (Tabelle). Eine dieser Möglichkeiten, kurzfristig Kosten zu senken, ist beispielsweise, über eine ganzheitliche Nachbildung von Netz und Netzbetrieb speziell die Organisationsstruktur zu optimieren. Hierfür muss zunächst die Abhängigkeit der Qualitätskenngrößen (zum Beispiel Saidi/Asidi, Dauer bis zum Erreichen des Fehlerorts) sowohl von Netzstruktur und Störungsgeschehen als auch von der Betriebsstruktur (Zuständigkeitsbereiche, Rufbereitschaftszeiten usw.) berechnet werden. Die Analyse der Zusammenhänge zwischen Netzasset, Netzbetrieb und Versorgungsqualität ermöglicht anschließend eine detaillierte Kostenbewertung von netzbezogenen und betrieblichen Maßnahmen. Aber auch langfristig ergeben sich enorme Einsparpotenziale, in- BWK Bd. 67 (2015) Nr. 11 dem zum Beispiel eine notwendige Steigerung der Transportleistungen nicht ausschließlich über Investitionen in klassischen Netzausbau, sondern zunehmend durch neue, innovative Betriebskonzepte, beispielsweise gesteuerte Auslastung von Netzkomponenten mit Hilfe von automatisierten Netzsicherheitsanalysen oder (n-0)-Prinzip für den Betrieb dezentraler Erzeugungsanlagen in Hochspannungsverteilungsnetzen, gelöst werden. In diesem Zusammenhang muss untersucht werden, ob ein systemischer Ansatz bei dem Verteilnetzausbau über eine zentral gesteuerte Koordination als vergleichbares Konzept zum Netzentwicklungsplan auf Übertragungsnetzebene umsetzbar ist oder überhaupt angestrebt wird. Da sich der zukünftige Ausbaubedarf in Abhängigkeit der derzeitigen Netzstruktur, dem Potenzial zum Ausbau dezentraler Energieerzeugungsanlagen sowie der Versorgungsaufgabe sehr unterscheiden kann, stehen die Verteilnetzbetreiber vor sehr unterschiedlichen Anforderungen. Diese auch im Rahmen des Regulierungskonzeptes zu berücksichtigen, würde wiederum zu einem sehr hohen Regulierungsaufwand führen. Fazit Die Regulierung der Netze hat in den letzten Jahren einen wesentlichen Faktor im Rahmen des Netzbetriebs eingenommen. Die steigende Bedeutung hat sich auch in der Teilnahme der Netzbetreiber und Verbände an dem Evaluierungsprozess der Anreizregulierung in Deutschland gezeigt und wurde durch eigene Befragungen von Netzbetreibern bestätigt. Damit wird dem Stellenwert der Regulierung vor dem Hintergrund der Änderung der energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Verbindung mit einem umfassenden Investitionsbedarf Rechnung getragen. Der Evaluierungsbericht wird diesen Anforderungen gerecht und führt unterschiedliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten auf, die in naher Zukunft weiter zwischen den beteiligten Akteuren diskutiert werden. So liegt es nahe zu untersuchen, auf welchem Wege bestehende Investitionshemmnisse, wie beispielsweise der Zeitverzug bei der Berücksichtigung von Kapitalkosten, die aus der spezifischen deutschen Ausgestaltung der Anreizregulierung resultieren, beseitigt werden können, um ein investitionsfreundliches Klima zu schaffen. Aufgrund der komplexen Wirkungsmechanismen ist eine intensive Auseinandersetzung und Folgenabschätzung notwendig. Vor diesem Hintergrund kann von den Erfahrungen europäischer Netzbetreiber profitiert werden, um mögliche Fehlentwicklungen zu vermeiden. Gleichzeitig ist eine schnelle Entscheidungsfindung für die zukünftige Ausgestaltung des deutschen Regulierungskonzeptes ratsam, da 2016 unter der derzeitigen Systemausgestaltung das Basisjahr für die dritte Regulierungsperiode darstellt. Parallel dazu gilt es, in der Netzplanung zu erwägen, Planungs- und Betriebsgrundsätze im Kontext der Transformation zu hinterfragen und zu innovieren. Eine immer häufiger notwendige Auslegung auf den Erzeugerfall statt auf den Lastfall und die somit dazugewonnenen Freiheitsgrade erfordern beziehungsweise ermöglichen einen Paradigmenwechsel, um die optimale Lösung zu gewährleisten. Dazu dient eine integrative Betrachtung von Netzplanung beziehungsweise -betrieb und Investitions- sowie Aufwandsverteilung zur Maximierung der Kosteneffizienz bei gleichzeitiger Gewährleistung der Systemsicherheit. Literatur [1] Büchner, J.; Katzfey, J.; Flörcken, O.; Moser, A.; Schuster, H.; Dierkes, S.; van Leeuwen, T.; Verheggen, L.; Uslar, M.; van Amelsvoort, M.: Moderne Verteilnetze für Deutschland. Forschungsprojekt Nr. 44/12, Abschlussbericht, Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi), 12. September 2014 Berlin, S .50. [2] Nieder, T.; Bickel, P.; Musiol, F.; Memmler, M.; Schrempf, L.; Zimmer, U.: Zeitreihen zur Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland, unter Verwendung von Daten der Arbeitsgruppe Erneuerbare-Energien-Statistik (AGEE-Stat). Stand: August 2014, S. 7. [3] Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt: Moni - toringbericht 2014, Bonn, 2014, S. 68. [4] Pavel, F.; Cullmann, A.; Girard, Y.; Nieswand, M.; Dehnen, N.: Gutachten zum Investitionsverhalten der Strom- und Gasnetzbetreiber im Rahmen des Evaluierungsberichts nach § 33 Abs. 1 ARegV. DIW Econ GmbH, Berlin, 2014. [5] Egert, B.: Infrastructure investment in network industries: the role of incentive regulationand regulatory independence. OECD Economics Department Working Papers, Bd. 688, 2009, S. 24. www.aprovis-gmbh.de Abgaswärmetauscher Dampferzeuger-Systeme FriCon – Gaskühlung ActiCo – Aktivkohlefilter Katalysatoren Service Ornbauer Str. 10 · 91746 Weidenbach Tel.: +49 (0) 9826 / 6583 - 0 · info@aprovis-gmbh.de

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