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11 | 2015

IT & Management

IT & Management Lagebericht von den Metering Days 2015 Eine „gewisse Ungewissheit“ vor dem Rollout SMART METERING | Die Veröffentlichung des Entwurfs des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende bedeutet einen weiteren Meilenstein auf dem langen Weg zum Smart Metering. Die jüngste Standortbestimmung für Verteilnetzbetreiber, Messstellenbetreiber und Messdienstleister waren die Metering Days 2015 in Fulda. Im Grunde hat sich an der Situation 15 Monate vor Beginn des Rollouts nicht viel geändert. Es gibt offene Baustellen und – je nach Ausgangsposition der Player – unterschiedliche Strategien und Herangehensweisen. Das neue Gesetz könnte sich als trojanisches Pferd entpuppen und die Branche stärker verändern, als es im Moment den Anschein hat. Rückblende: Am 9. Februar 2015, einen Tag vor Beginn der Branchenmesse E-world Energy & water in Essen, veröffentlichte das Bundeswirtschaftsministerium das Eckpunktepapier für das „Verordnungspaket Intelligente Netze“. Am 21. September 2015 erlebten Marktbeobachter ein Déjà-vu-Erlebnis: Einen Tag vor Beginn der Metering Days wurde der Entwurf des „Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende“ offiziell publik. Zufall? Wohl eher nicht. Abgesehen vom politischen Auftrag, der Energiewende den Boden zu bereiten, weiß man im Bundeswirtschaftsministerium auch, dass insbesondere Gerätehersteller und Dienstleister den Startschuss für den Roll - out intelligenter Messsysteme händeringend herbeisehnen. Sie wollen loslegen, damit die bisherigen Investitionen in Systementwicklung und Pilotprojekte endlich anfangen sich zu amortisieren. Das inzwischen jahrelange Warten (2007 kam das Thema Smart Metering erstmals auf die politische Agenda) fällt leichter, wenn zu passenden Zeitpunkten Beruhigungspillen verteilt werden, die den Eindruck vermitteln, dass es weitergeht. Lückenlos gefüllte Sitzreihen im Vortragssaal der Metering Days 2015. Der Startzeitpunkt 2017 für den Rollout macht auch die letzten Zauderer mobil. Gesetzgebung ist auf die Zielgerade eingebogen Und es geht ja de facto auch vorwärts, das sei bei aller Kritik am Arbeitstempo der Gesetzgebung eingeräumt. Dass Gründlichkeit Vorrang vor Schnelligkeit hat, lässt sich mit Komplexität und Bedeutung außerdem schlüssig begründen. Dem Gesetz der Serie folgend, müsste das Gesetzespaket Anfang Februar 2016 im Bundestag verabschiedet werden, denn vom 16. bis 18. Februar 2016 öffnet die nächste E-world ihre Pforten. Alexander Kleemann, zuständiger Referent für im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, wollte sich verständlicherweise auf keinen Termin festlegen lassen. Keinen Zweifel ließ er allerdings daran, dass das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende inklusive Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) schnellstmöglich rechtskräftig werden soll. Immerhin: Etwas Besseres als das kurzfristige Bekanntwerden des Gesetzentwurfes hätte den Metering Days nicht passieren können. Es war das alles überlagernde Thema zweier spannender Vortragstage. 2017, der nunmehr fixierte Startzeitpunkt für den Rollout, liegt zudem innerhalb eines Planungshorizontes, der auch die letzten Zauderer mobil macht. Das belegten nicht zuletzt die Teilnehmerzahlen: 370 Kongressteilnehmer und knapp 30 Aussteller konnte der ausrichtende ZVEI in Fulda begrüßen, beides neue Bestmarken für die Veranstaltung. Sprengstoff in Unbundling und Roll-Out-Mindestzielen Was das MSbG für die Marktentwicklung bewirken wird und was es für Messdienstleister und Netzbetreiber in letzter Konsequenz bedeutet, wird im fachlichen Diskurs noch auszuloten sein. Der größte Sprengstoff steckt zweifellos in zwei Verfügungen, die auf den ersten Blick harmlos klingen: Einerseits verlangt der Gesetzgeber künftig die Entflechtung von Verteilnetz- und Messstellenbetrieb. Ein Paradigmenwechsel, denn dadurch verlieren die Verteilnetzbetreiber einen wesentlichen Teil ihrer Aufgaben und damit an Bedeutung. Wird das Verteilnetz zum externen Marktteilnehmer? Für die unbundelten Messstellenbetreiber wiederum erwächst daraus unter anderem die Implikation, die gesamten Rollout- Kosten allein schultern zu müssen. Das zweite Damoklesschwert: Verteilnetzbetreiber beziehungsweise Messstellenbetreiber müssen innerhalb der ersten drei Jahre nach Beginn des Rollouts 10 % ihrer umrüstpflichtigen Zähler auf intelligente Messsysteme umgestellt haben, wenn sie ihre Grundzuständigkeit im Messstellenbetrieb behalten wollen. Mit dieser Vorgabe erhöht sich der Handlungsdruck für die Versorger signifikant. Eine in Fulda im Auditorium durchgeführte Befragung ergab: Keiner der anwesenden Netzbetreiber beabsichtigt aktuell, seine Grundzuständigkeit im Messwesen aufzugeben. Abwarten hat als Handlungsoption für 28 BWK Bd. 67 (2015) Nr. 11

IT & Management die Einführung intelligenter Messsysteme endgültig ausgedient. Dr. Klaus Mittelbach, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung, fasste diese Erkenntnis so zusammen: „Das größte Risiko ist, nichts zu tun.“ Auch in Fulda waren wiederholt Ratschläge zur hören wie, sich strategisch zu positionieren (zum Beispiel Make-or-buy- Entscheidungen treffen), Pilotprojekte durchzuführen, Erfahrungen zu sammeln und Know-how aufzubauen sowie sich auf den Rollout organisatorisch vorzubereiten. Mehrere Messstellenbetreiber/ Messdienstleister stellten Projekte und Strategien exemplarisch vor, alle wiesen auf den Wert der Lerneffekte hin. Olaf Abbing, Geschäftsführer des Geräteherstellers Lackmann, fasste dies in einem Ratschlag von aphoristischer Güte zusammen: „Testen bringt Kompetenz für Entscheidungen.“ Suche nach datengetriebenen Geschäftsmodellen Weniger klar ist bislang indes, wie zukünftige Geschäftsmodelle im Smart- Meter-Umfeld aussehen werden. „Möglicherweise verdient man künftig in der Energiewirtschaft mit der Stromerzeugung und -verteilung gar kein Geld mehr, sondern mit innovativen Geschäfts - modellen, die auf den Daten ihrer Kunden beruhen“, mutmaßte ZVEI-Chef Mittelbach. Für Markus Gerds vom Beratungshaus Accenture besteht daran kein Zweifel: „Mit Smart Metern an sich kann man kein Geld verdienen, das geht nur über datengetriebene Geschäftsmodelle.“ Gerds plädierte in diesem Kontext unter anderem auch dafür, den Smart Meter zur Zentrale für das Smart Home zu machen. Unstrittig ist: Die Innovation kann nur aus den Vertrieben kommen. Sie sind gefragt, sich über neue Produkte und Mehrwert-Services verstärkt Gedanken zu machen. Welche weiteren Herausforderungen stehen ins Haus? Als größte Baustelle gilt das Fehlen der notwendigen Marktkommunikation, um die Prozesse des Rollouts und Betriebs der intelligenten Messsysteme im unbundelten System nach einheitlichen Standards automatisiert abwickeln zu können. Hier befindet sich der Entwicklungsstand noch auf der Stufe null. Auch die Integration der Steuerbox für das Schalten von dezentralen Energieerzeugern wurde als Problemfeld identifiziert, laut RWE Metering ist davon jeder zweite Umrüstungsfall der ersten Rollout- Stufe betroffen. Auch das Thema Finanzierung wurde von mehreren Referenten und Diskutanten als noch nicht gelöstes Problem identifiziert. Wie man diesen Knoten durchschlagen kann, zeigten die co.met GmbH und Deutsche Leasing AG, die ein stark beachtetes rollout-konformes Finanzierungsmodell vorstellten (siehe separaten Bericht). Deutsches Sicherheitsstreben als Wettbewerbsvorteil? Obligatorischer Bestandteil jeder Diskussion über Smart Metering ist das Thema Sicherheit. Die Länge des Weges zum Rollout-Start hierzulande liegt bekanntlich auch in der Akribie beim Ausarbeiten wasserdichter Sicherheitsstrategien begründet. Wie wichtig der Aspekt IT-Sicherheit tatsächlich ist, verdeutlichte Uwe Laupichler vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) unter anderem am Beispiel Spanien. Dort wurden mittlerweile acht Millionen Smart Meter installiert, die aber mangels integrierter Sicherheitsmechanismen leicht angreifbar sind, wie zwei Forscher bei einem selbst durchgeführten Hack-Versuch herausgefunden hatten. Für Laupichler steht deshalb fest: „Sicherheit ist immens wichtig und unverzichtbar. Sie wird zum Wettbewerbsvorteil für die Hersteller von Smart Meter Gateways.“ Deutsche Gründlichkeit als Wettbewerbsvorteil? Dr. Peter Heuell, Geschäftsführer von Landis + Gyr, ist vorsichtiger: „Die BSI-Technologie könnte ein Exportschlager werden, allerdings müssen wir zunächst einmal im eigenen Land zeigen, dass sie funktioniert.“ Wie bereit sind die verschiedenen Player, 2017 mit dem Rollout loszulegen? Eine Diskussionsrunde zeigte, dass die Ansichten durchaus divergieren. Dr.-Ing. Ulrich Werneking, Geschäftsführer der RWE Metering GmbH, betonte die Notwendigkeit der funktionierenden Interoperabilität der Systeme: „Wir starten, wenn die Dinge funktionieren. Wir gehen hier nicht auf eine Teststrecke.“ Deutlich optimistischer Knapp 30 Aus - steller stellten auf den Metering Days in Fulda Produkte und Services aus. Blick auf den Stand der co.met GmbH. äußerte sich Matthias Gutschmidt von der Bosch Software Innovation GmbH: „Was die Funktion der Gateways angeht, hat sich im vergangenen Jahr sehr viel getan. Wenn man Software intelligent baut, kann man damit sehr gut arbeiten.“ Auch Landis + Gyr-Chef Heuell sieht grünes Licht auf der Ampel: „Der Rollout ist eine unternehmensspezifische Sache. Es wird Unternehmen geben, die früher anfangen, und welche, die später anfangen. Ich glaube nicht, dass wir 2017 schon einen generellen Rollout haben werden. Aber ich sehe einige Unternehmen, die bereit sind, vieles schon ins Feld zu bringen.“ Tim Karnhoff, Leiter Smart Metering bei der Trianel GmbH: „Aus Netzbetreibersicht wäre es ein Supergau, wenn die Geräte nicht interoperabel wäre und wir sie mehrfach anfahren müssten. Das muss vorher wasserdicht sein, sonst hat es keinen Sinn, in den großen Rollout zu gehen.“ Andererseits sieht er das große Potenzial der neuen Technik: „Warum fangen wir nicht schon an, mit den Daten zu arbeiten?“ Niemand will beim Rollout böse Überraschungen riskieren Was bleibt als Fazit der Metering Days 2015 festzuhalten? Mehrheitlich wurde gutgeheißen, dass die Gesetzgebung auf die Zielgeraden einbiegt. Hard- und Software-Hersteller scharren weiter vernehmlich mit den Hufen. Einige technische Baustellen sind noch zu schließen, was im Falle der Marktkommunikation bis zum Rollout nicht gelingen dürfte. Bei den Verteilnetzbetreibern beziehungsweise Messstellenbetreibern überwiegt nach wie vor gebremster Schaum. Niemand will beim Rollout böse Überraschungen riskieren. Umso wichtiger sind Pilotprojekte. Alles in allem bleibt eine „gewisse Ungewissheit“. Dieses Bonmot stammt nicht zufällig von einer Referentin, die in Fulda über die Potenziale des Smart Metering im Vertrieb berichtete. i www.metering-days.de BWK Bd. 67 (2015) Nr. 11 29

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