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10-2019

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S P E C I A L K l i m a

S P E C I A L K l i m a s c h u t z Wir brauchen einen Masterplan für den Umbau unseres Energiesystems Greta Thunberg hat Recht. Das weiß auch die Politik (von ein paar Unbelehrbaren einmal abgesehen). Was Greta fordert, liegt schon seit Jahren ganz offensichtlich auf der Hand: Wir müssen den Schalter umlegen und unsere Treibhausgasemissionen drastisch zurückfahren. Doch was tut die Politik? Sie übt sich weiter in der Kunst des vorauseilenden Kompromisses: Keinem darf es schlechter gehen, niemand darf für seinen Energieverbrauch mehr bezahlen, der Strukturwandel im Zuge der Dekarbonisierung muss ganz sachte vorangehen und darf möglichst keine Arbeitsplätze kosten – alles aus Angst, dass der jeweils regierenden Partei die Wähler verloren gehen. Dabei sind die Wähler längst massiv auf der Wanderschaft, wie man an den Erfolgen von AfD und Grünen deutlich sieht. Statt Klimagipfeln und -kabinetten brauchen wir jetzt einen Masterplan für den konsequenten Umbau unseres Energiesystems. Vor allem die zunehmende Sektorenkonvergenz kann hier ihren Teil zum effizienteren Umgang mit Energie beitragen. Das Stadtwerk spielt dabei eine Schlüsselrolle. Und der digitale Werkzeugkasten für den Aufbau neuer, klimaschützender Geschäftsmodelle steht auch schon bereit. Über Sensornetzwerke können beispielsweise heute schon alle möglichen Messwerte ohne großen Aufwand sicher übertragen werden. Warum also nicht solche Technologien als Datensammler einsetzen und in die bestehenden Abläufe einbetten? Integrieren wir den Betrieb eines solchen Sensornetzwerkes doch einfach in die bestehenden Prozesse der Gateway-Administration, des ERP- Systems und der Abrechnung. Damit wird plötzlich nicht nur der Stromverbrauch transparent, sondern beispielsweise auch die Heizkosten oder der Warmwasserverbrauch. Über das angebundene Webportal kann jeder direkt nachvollziehen, welche Maßnahmen dazu beitragen, den CO 2 -Ausstoß zu senken. Integriere ich nicht nur die Privathaushalte, sondern auch öffentliche Gebäude oder Schulen, kann ich über Belohnungssysteme den Klimaschutz direkt fördern. Dazu kommen dezentrale Versorgungskonzepte wie Mieter- und Quartierstrom. Park- und Verkehrssensoren können dazu beitragen, den Verkehrsfluss intelligent zu steuern und unnötigen Parkplatz-Suchverkehr zu vermeiden. Gleichzeitig werten sie den digitalen Gästeführer der lokalen Tourismusförderung deutlich auf. Ein Sensor zur Durchflussdetektion gekoppelt mit einem Ventil im Leitungswassernetz kann Großschadensereignisse verhindern und könnte gleichzeitig mit einem günstigeren Versicherungstarif verbunden werden. Und das sind nur ein paar Beispiele dafür, was die Digitalisierung möglich macht. Um alle Chancen der Digitalisierung zu erschließen, sind kooperative Ansätze nötig: Eine smarte und klimafreundliche Stadt baut man nicht alleine. Kompetenzen können so gebündelt und die Ergebnisse der Entwicklungen geteilt werden. Nicht zuletzt deswegen setzen wir bei der Wilken Software Group auf die enge Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Wir beteiligen uns an Stadtwerkekooperationen und pflegen intensive Partnerschaften mit anderen Spezialisten für die Branchen-IT. Indem wir die digitalen Werkzeuge für die Smart City entwickeln und bereitstellen, können wir so gemeinsam unseren Beitrag zum Klimaschutz vor Ort leisten. Dazu brauchen wir aber auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen. Denn solange Stadtwerke sich vor allem mit der Umsetzung regulatorischer Vorgaben beschäftigen, der Smart-Meter-Rollout wegen zu komplexer Vorgaben nicht ins Rollen kommt und die Gesetze die Umsetzung der Energiewende eher behindern als befördern, kommt auch die Digitalisierung nur schleppend in Gang. • F o l k e r t W i l k e n Geschäftsführer der Wilken Software Group, Ulm Bild: Wilken 16 BWK BD. 71 (2019) NR. 10

K l i m a s c h u t z S P E C I A L Die Verpflichtung auf Klimaziele hat in Deutschland durchaus Tradition. Bereits 1990 beschloss die Bundesregierung, die CO 2 -Emissionen – damals bezogen auf die alten Bundesländer – bis 2005 um 25 % gegenüber 1987 zu senken. Im Dezember 1991 erfolgte als Konsequenz aus der Wiedervereinigung eine Anpassung der Vorgabe. Danach sollten die CO 2 -Emissionen in Deutschland bis 2005 um 25 bis 30 % im Vergleich zum Stand von 1987 vermindert werden. Bei der UN-Klimakonferenz im Jahr 1995 hatte der damalige Bundeskanzler Kohl angekündigt, Deutschland werde die CO 2 -Emissionen bis 2005 um 25 % senken, und zwar jetzt bezogen auf das international übliche Basisjahr 1990. Die damit verbundene Verschärfung der Vorgabe war erfolgt, ohne dies mit geeigneten zusätzlichen Maßnahmen zu unterlegen. Im Ergebnis wurden alle drei Ziele deutlich verfehlt. Anders war es bei den Vereinbarungen gemäß Kyoto-Protokoll vom 11. Dezember 1997. Die Europäische Union hatte die Verpflichtung zur Reduktion der Emissionen von sechs Treibhausgasen (THG) im Zeitraum 1990 bis 2008/ 2012 um 8 % übernommen. Es war festgelegt worden, dass die damals 15 EU- Staaten im Rahmen einer Lastenteilung unterschiedliche Minderungsziele einzuhalten hatten, um damit die Gesamtverpflichtung der Gemeinschaft zu erfüllen. Das waren für Deutschland minus 21 %. Die EU hat dieses Ziel erreicht, wobei Deutschland mit einem Rückgang der Emissionen um 25 % sogar seine Verpflichtung übererfüllt hat. Im Energiekonzept der Bundesregierung von September 2010 ist unter anderem das Ziel verankert, die THG-Emissionen in Deutschland bis 2020 um 40 %, bis 2030 um 55 % und bis 2050 um 80 bis 95 % zu reduzieren, und zwar im Vergleich zum Stand des Jahres 1990. Eine zweite Lehre aus den vorangegangenen Zielverfehlungen hätte sein sollen, eine gewisse Flexibilität – und zwar nach oben und nach unten – bei den Zielvorgaben vorzusehen. Bei der 2010 erfolgten Festlegung der Ziele war nämlich noch von der im Energiekonzept verankerten Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke ausgegangen worden. Weitere Rahmendaten haben sich seitdem verändert. Dazu gehören das relativ starke Wirtschaftswachstum und der zuwanderungsbedingte Bevölkerungsanstieg während der letzten Jahre. Unberücksichtigt ist ferner geblieben, dass für zwei Sektoren der Volkswirtschaft, nämlich die Energiewirtschaft und die energieintensive Industrie, inzwischen europäische Vorgaben rechtsverbindlich eingeführt worden waren, deren Einhaltung mit dem 2005 eingeführten Europäischen Emissionshandelssystem (ETS) EU-weit gewährleistet ist. Infolgedessen müsste die Zielarchitektur angepasst werden, insbesondere in einem Klimaschutzgesetz; das heißt: Nationale Vorgaben machen nur noch Sinn für die Sektoren, die nicht in den Emissionshandel einbezogen sind, also Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft. Klimaziele für Deutschland D r . H a n s - W i l h e l m S c h i f f e r Lehrbeauftragter für Energiewirtschaft an der RWTH Aachen Bild: André Laaks Dies gilt erst recht seit dem Pariser Klimaübereinkommen von Dezember 2015, in dem sich die EU zur Reduktion der THG-Emissionen um 40 % bis 2030 im Vergleich zu 1990 verpflichtet hat. Die EU und deren Mitgliedsstaaten werden diesem Ziel durch ein differenziertes Vorgehen gerecht. Sektoren, die in das ETS einbezogen sind, müssen die THG-Emissionen bis 2030 um 43 %, und zwar zum Bezugsjahr 2005, reduzieren. Diese Vorgabe wird nicht auf die Mitgliedsstaaten heruntergebrochen. Starre Ländervorga- BWK BD. 71 (2019) NR. 10 17

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