Aufrufe
vor 2 Monaten

10-2019

  • Text
  • Energien
  • Meter
  • Wasserstoff
  • Energie
  • Beispielsweise
  • Digitale
  • Digitalisierung
  • Energiewende
  • Deutschland
  • Unternehmen

E N E R G I E F O R U M

E N E R G I E F O R U M Z e l l u l ä r e E n e r g i e s y s t e m e Gesellschaft Von der Bundespolitik über Landräte und Bürgermeister hin zu einzelnen Bürger*innen sind alle gefragt, mutige Entscheidungen zu treffen Regulatorik Technik ist beherrschbar. Was fehlt, sind die passenden regulatorischen Rahmenbedingungen Kommunikation jetzt Frühe und richtige Einbindung der Bürger*innen fördert Akzeptanz bis hin zur Teilhabe Einfach mal machen! Es können immer Probleme auftreten, die nicht durch Planung aufgefangen werden können Fachkräfte Das Zusammenspiel von Elektrotechnik und IKT ist komplex und braucht mehr bestens ausgebildete Menschen Ziel vs. Realität Die Integration einer automatisierten und digitalisierten Infrastruktur in den Bestand ist aufwendig und teuer Plug‘n‘play Das zukünftige Energiesystem lebt von Vielfalt, die Standardisierung benötigt Ein Rundgang über das Gelände des Hauptpumpwerks in Neubäu am See führte die Teilnehmenden in die Fernwirkzentrale, wo die Befüllung der Hochbehälter gesteuert wird. Bisher erfolgt die Befüllung nachts zu günstigen Stromtarifen, künftig soll ein flexibler Fahrplan gefahren werden. Jeder Pumpvorgang soll dabei energetisch und finanziell optimiert sein. Prof. Oliver Brückl und Thomas Sippenauer von der OTH Regensburg erklären: „Durch die Nutzung eines Fahrplans kann beispielsweise in der Mittagszeit etwa ein Drittel der aktuell maximal abgerufenen elektrischen Pumpenleistung als eine über vier Stunden durchgängige Flexibilität gesichert zur Verfügung gestellt werden.“ Durch eine exaktere Eingrenzung der netzseitig kritischen Zeitpunkte könnte das Potenzial sogar noch deutlich erhöht werden. Im Feldversuch wird die OTH Regensburg den Kreiswerken Cham täglich einen Fahrplan basierend auf Strombörsenpreisen und Verbrauchsprognosen zur Verfügung stellen. Die Fahrpläne werden dann mit dem Praxisbetrieb verglichen. Dieses Modell ist auf andere Wasserwerke übertragbar, soll aber vor allem als Weckruf in die Industrie dienen, vorhandene Flexibilität zu nutzen, so Brückl bei der abschließenden Diskussion. Smarte Sonnenregion Hittistetten Bild 1 Erkenntnisse für die Praxis der Energiewende. Wechselwirkungen im Niederspannungsnetz. Zudem ermöglicht eine Leitwarte auf dem Testfeld die Analyse verschiedener Einspeisesituationen und Auswirkungen auf das lokale Netz. Auch Bürgermeister Stefan Göcking war sowohl am Testfeld als auch bei der anschließenden Diskussion im Rathaus vor Ort. Im Interview äußert er sich zum Projekt: „Das ist wie ein Sechser im Lotto, dass die kleine Stadt Arzberg in der Energiewende eine Hauptrolle spielen darf“. Flexibilitätspotenzial von Trinkwasserpumpen Beim nächsten Stopp der Tour – den Kreiswerken Cham – fasst Landrat Franz Löffler zusammen: „Es geht darum, dass wir möglichst intelligent mit Energie umgehen, um die Versorgungssicherheit optimal zu gestalten“. Gemeinsam mit der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg wird in Cham das Flexibilitätspotenzial von Trinkwasserpumpen bestimmt. In der schwäbischen Gemeinde Hittistetten erprobt die Smart-Grids-Forschungsgruppe der Technischen Hochschule Ulm (THU) um Prof. Gerd Heilscher das Infrastruktur-Informationssystem (IIS) im Verteilnetz mit Prosumern. Projektziele sind unter anderem die Optimierung von Solarstromnutzung, die Verbesserung der Netzzustandserfassung und die Konzeption einer standardisierten Abstimmungskaskade für Netzbetreiber. Die Netzplanung in Hittistetten muss die hohe und weiter steigende PV-Dichte berücksichtigen, die bereits heute den für das Jahr 2050 angestrebten deutschlandweiten Durchschnitt übersteigt. Die Teilnehmenden besichtigten eine Transformatorenstation mit modernen Messsystemen, die Transparenz im Verteilnetz schaffen. Als zweiter Teil der Besichtigung erlebten die Teilnehmer im Smart-Grid-Labor der THU die Erprobung von iMSys- und CLS-Technik in der Praxis. In einer experimentellen Verteilnetz- Leitwarte können reale Prozesse abgebildet werden. Verschiedene Technologien, zum Beispiel ein Batteriespeicher und ein PV- Wechselrichter, dienen der Simulation eines Prosumers. In einem sicheren Testumfeld können die Kommunikation und das Zusammenspiel dieser Technologien mit iMSys, CLS und der experimentellen Verteilnetz-Leitwarte untersucht werden. Zuletzt hatte Heilscher auch eine Botschaft an Fridays for Future: „Überlegt, was ihr studiert. Wir brauchen genau Menschen wie euch, um diese Technik wirklich zum Leben zu bringen.“ Stadtwerke München testen Sektorenkopplung Besichtigung des Testfelds in Arzberg. Bilder (4): FfE Zum Abschluss der Tour gab Andreas Weigand von den Stadtwerken München (SWM) den Teilnehmenden einen Einblick in das Projekt „Intelligente Wärme München“. Projektziele sind unter anderem die Flexibilisierung von Power-to-Heat (PtH)- Anlagen und die Nutzung von Lastverschubpotenzial. Besichtigt wurden die Kellerräume eines Mehrparteienhauses in München, in denen bei Haushalten mit Speicherheizungen intelligente Mess- und Steuertechnik installiert ist. Messungen zum Wärmestromverbrauch werden über ein Kommunikationsmodul 60 BWK BD. 71 (2019) NR. 10

Z e l l u l ä r e E n e r g i e s y s t e m e E N E R G I E F O R U M an eine Datenbank weitergegeben und dort mit Daten zu Wetter und Verfügbarkeiten ausgewertet. Dies ermöglicht die flexible Steuerung von Speicherheizungen, sodass die Ladung beispielsweise in Zeiten hoher Solareinspeisung verschoben wird. So können durch netzdienliche Schaltung Temperaturschwankungen über den Tag hinweg reduziert werden. Lösungen für Speicherheizungen sind für Altbauten relevant, denn „die Energieinfrastruktur in den Gebäuden ist meistens veraltet. Wir müssen sehen, wie wir mehr Intelligenz in die Niederspannung bekommen – durch den Einbau von iMSys zur Steuerung von Wärmepumpen, Speicherheizungen und Kältemaschinen“, so Weigand. Das Demonstrationsprojekt wird zusätzlichen Auftrieb erhalten, wenn ab Herbst dieses Jahres mehr Probanden angebunden und Smart Meter Gateways (SMGW) verbaut werden. Bild 1 fasst die Kernergebnisse der Tour zusammen. Für die weitere Arbeit im Projekt sind damit wichtige Impulse gesetzt: durchgehende Digitalisierung, Interoperabilität, Faktoren für eine erfolgreiche Partizipation, Anreize für systemdienliches Handeln und Planen. Die AcCELLerator-Tour steht beispielhaft für den Pfad der umfassenden Transformation des Energiesystems, für den es beides braucht: die vielfältigen, lokalen Initiativen mit Eigenverantwortung sowie die Organisation und Koordination im Verbund, um Lerneffekte zu teilen, Interessen zu bündeln und schließlich hohe Standards bei Effizienz und Sicherheit zu erreichen. Damit Deutschland die europäischen Klimaziele noch erreichen kann, muss dies schnell Wirkung zeigen. • www.csells.net, www.ich-bin-zukunft.de L I T E R A T U R [1] VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V.: Zellulares Energiesystem – Ein Beitrag zur Konkretisierung des zellularen Ansatzes mit Handlungsempfehlungen, Frankfurt am Main, 2019. D a n i e l a W o h l s c h l a g e r , M. Sc. (Foto) Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Forschungsstelle für Energiewirtschaft e. V. (FfE), München. dwohlschlager@ffe.de M i r i a m L o h m ü l l e r Wissenschaftliche Hilfskraft, Forschungsstelle für Energiewirtschaft e. V. (FfE), München. mlohmueller@ffe.de Dr. B i r g i t H a l l e r Projektmanagerin, Dr. Langniß Energie & Analyse, Stuttgart. birgit.haller@energieanalyse.net F Ö R D E R U N G U N D P R O J E K T P A R T N E R Die AcCELLerator-Tour erfolgte im Verbundprojekt C/sells im Zuge der Regionalkoordination. Die Aktivitäten werden im Rahmen des Förder - programms „Schaufenster intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ (Sinteg) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert (Förderkennzeichen: 03SIN121). Vorschau 11-2019 Smart Metering Früher oder später dürfte der Rollout intelligenter Messsysteme alle deutschen Haushalte erreichen – und darauf sollten sich Energieversorger schon heute vorbereiten. Fernüberwachung Um die City smart zu machen, kommt die LoRaWAN-Funktechnik zum Einsatz. Eins von mehreren Projekten ist die Fernüberwachung von Trafostationen im Stadtgebiet. Wenn Energienetze im Zuge der Modernisierung immer leistungsfähiger und intelligenter werden, spielt auch die Verfügbarkeit eine wichtige Rolle. Grundvoraussetzung für eine hohe Verfügbarkeit ist allerdings, dass jede Störung sofort erkannt und schnell behoben wird. Bild: Phoenix Contact Wärmewende Mit dem Wärmekompass steht Kommunen ein flexibles Instrument zur Wärmebedarfsanalyse und zur Erfassung industrieller Abwärme - potenziale zur Verfügung. BWK BD. 71 (2019) NR. 10 61

Ausgabenübersicht