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E N E R G I E F O R U M

E N E R G I E F O R U M K r a f t - W ä r m e - K o p p l u n g Energiekosten senken mit Kraft-Wärme-Kopplung Wenn ein Grundrauschen zum Glücksfall wird Wenn Matthias Wingerath vom Grundrauschen in der Leistung seines Heizkessels spricht, dann ist es für ihn kein lästiges Thema. Vielmehr beginnt auf diese Weise für ihn ein Glücksfall, mit dem er die Energiekosten seines Unternehmens, der Hauni Maschinenbau GmbH aus Hamburg, um etwa ein Viertel reduzieren konnte. Der VEA – Bundesverband der Energie-Abnehmer e. V. prüfte die Ideenplanung des Unternehmens und gab so den Startschuss für die Umsetzung des Vorhabens. Höhere „Stromkosten, höhere Umlagen – 2013 spürten wir den Kostendruck enorm“, erinnert sich Matthias Wingerath, Head of Facilitymanagement im Unternehmen, zurück. Mit einer veralteten Wärmeanlage stand er vor der Entscheidung, entweder in konventionelle Technologien wie Brenner und Heizkessel oder in eine andere Energiequelle zu investieren, um Wärme bereitzustellen. Als Ingenieur verließ er sich dabei auf Fakten und Zahlen: „Wir haben zunächst unsere Leistungsabnahme gemessen.“ Dabei, sagt er, sei er auf ein Grundrauschen im Umfang von 1 MW gestoßen. Verursacht durch den Drei-Schicht-Betrieb im Unternehmen entstand so ein ganzjährig hoher Energiebedarf. Auf dieser Grundlage entwickelte er zusammen mit seinem Team die Idee eines gasgeführten Blockheizkraftwerks (BHKW) mit nachgeschalteter Absorptionskälteanlage. Einmal Energie aufwenden, zweimal profitieren KWK-Anlagen produzieren sowohl mechanische Energie, die in der Regel zu elektrischem Strom umgewandelt wird, Mit der Inbetriebnahme des BHKW spart die Hauni Maschinenbau GmbH aus Hamburg knapp ein Viertel ihrer Energiekosten ein. Bild: Hauni Maschinenbau als auch nutzbare Wärme. Der Gesamt- Nutzungsgrad der eingesetzten Energie kann bis auf 90 % steigen, wodurch sich bis zu 40 % Einsparungen gegenüber der getrennten Erzeugung realisieren lassen. Die Hauni Maschinenbau GmbH macht sich so seinen ganzjährig hohen Energiebedarf zu nutze und spart dabei knapp ein Viertel seiner Energiekosten ein. Möglich wird das mit einem Motor, der zur Stromerzeugung einen Generator antreibt. Aus dem Abgaskreislauf erfolgt die angestrebte Wärmerückgewinnung, die als Prozess- oder Raumwärme genutzt werden kann. Im Sommerbetrieb schaltet Wingerath in den Kältebetrieb um. 32 BWK BD. 71 (2019) NR. 12

K r a f t - W ä r m e - K o p p l u n g E N E R G I E F O R U M Bis 2013 heizte der Betrieb, der komplexe Maschinen für die Zigarettenfertigung entwickelt und herstellt, im Winter mit einer herkömmlichen Wärmeanlage die Räume. Da das Unternehmen aber auch auszuliefernde Anlagen auf ihren Energieverbrauch prüft, bevor sie beim Kunden montiert und in Betrieb genommen werden, muss der im Produktionsprozess eingesetzte Tabak unter klimatischen Bedingungen verarbeitet werden. „Wir stellen nicht nur die Maschinen für unsere Kunden her. Wir sind wie ein kleiner Produktionsstandort. Das macht sich natürlich auch beim Energieverbrauch bemerkbar“, sagt Matthias Wingerath. Klimatische Bedingungen bedeuten bei Hauni Maschinenbau: um die 20 0 C und zwischen 60 und 70 % Luftfeuchtigkeit. Vor allem im Sommer müssen deshalb die Produktionshallen heruntergekühlt werden, um unter gleichen Bedingungen wie beim Kunden zu arbeiten. Weichen die Temperaturen zu stark ab, verliert der Tabak seine Qualität. „Durch diese sensiblen Bedingungen sind die Energiekosten unser drittgrößter Kostenblock. Die Themen Energieeinsparungen und Energieeffizienz haben daher einen sehr hohen Stellenwert im Unternehmen“, sagt Matthias Wingerath. Herstellerneutrale Prüfung bestätigt Entscheidung Nachdem er alle Daten rund um Leistung und Verbrauch im Unternehmen zusammengetragen hatte, begann die Kostenrechnung. „Natürlich haben wir nicht nur geschaut, dass wir einen möglichst hohen Betrag an Energiekosten einsparen können. Auch die Returns on Investment, kurz ROI, standen im Fokus der Berechnung“, sagt er. So erfolgte die Auslegung einer Anlage, die im Idealfall 5,8 GWh Strom im Jahr erzeugt. Da jedoch außerdem rechtliche und regulatorische Zusammenhänge über die Wirtschaftlichkeit einer KWK-Anlage entscheiden, hat sich Hauni Maschinenbau dazu entschlossen, die eigene Berechnung dem VEA – Bundesverband der Energie-Abnehmer zur Prüfung vorzulegen. „Die herstellerneutrale Prüfung hat uns bei unserer Entscheidung geholfen“, sagt Wingerath. „Und schließlich konnten wir die Bestätigung, dass unsere Kostenrechnung exakt durchgeführt wurde, auch zur Freigabe unserer Investitionsmittel nutzen.“ Matthias Wingerath, Head of Facility Management bei der Hamburger Hauni Maschinenbau GmbH, entwickelte und begleitete zusammen mit seinem Team die Investition in ein Blockheizkraftwerk. Bild: Hauni Maschinenbau Grundsätzlich sind KWK-Anlagen, mit denen Strom und Wärme selbst und für den eigenen Verbrauch erzeugt werden können, vor allem für Unternehmen mit jährlichen Stromverbräuchen ab 400 000 kWh eine Option zur Senkung der Energiekosten. Als Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Einsatz einer KWK-Anlage ist zudem ein gleichzeitiger Strom- und Wärmebedarf in der Grundlast sowie eine hohe Benutzungsdauer ab etwa 5 000 Vollbenutzungsstunden nötig. Primärenergieeinsparungen von bis zu 36 % sind auf diese Weise möglich, mit denen Unternehmen ihren CO 2 -Fußabdruck deutlich reduzieren können. Der größte Vorteil für Matthias Wingerath bleibt aber, dass Hauni Maschinenbau mit dem BHKW nun nicht mehr Strom aus dem Netz bezieht, sondern ihn selbst erzeugt. Für viele Unternehmen ist eine solche dezentrale Energieversorgung in den letzten Jahren zu einem rentablen Weg geworden, die eigenen Energiekosten durch Eigenverbrauch oder Netzeinspeisung zu senken. Doch bei der gekoppelten Energieerzeugung mittels KWK-Anlagen wie einem BHKW sind viele gesetzliche Bedingungen zu beachten. Und die sind für Matthias Wingerath zu den größten Hürden des Projekts geworden: Nach Auslegung, Umsetzung und Inbetriebnahme der Anlage im Jahr 2015 steht nun die Compliance gerechte Führung des BHKW im Fokus: „Es gilt, viel zu beachten. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen fordern uns jetzt und werden wohl auch die Aufgabe der Zukunft für uns sein.“ Gesetzliche Anforderungen Anfang 2017 haben sich etwa mit der EEG- und KWKG-Novelle die gesetzlichen und technischen Anforderungen an Anlagenbetreiber teilweise von Grund auf geändert. So sind nicht nur auf den mittels Energieeinkauf bezogenen Strom EEG- und KWKG-Umlagen zu entrichten, auch auf den selbst erzeugten Strom besteht grundsätzlich die Pflicht zur Zahlung der (anteiligen) EEG-Umlage durch den Eigenversorger beziehungsweise Letztverbraucher. Ausnahme bilden Bestandsanlagen, das heißt, Inbetriebnahme vor dem 1. August 2014 ohne wesentliche bauliche Veränderungen oder Modernisierungen nach dem 31. Juli 2014. Diese sind in der Regel von der Zahlung einer EEG- Umlage befreit. Alle Betreiber von EEG- und KWK- Anlagen, deren erzeugter Strom ganz oder teilweise selbst oder auch von Dritten verbraucht wird, haben die Pflicht, dem Netzbetreiber (oder dem Übertragungsnetzbetreiber bei Drittversorgung) die umlagepflichtige Strommenge bis zum 28. Februar beziehungsweise 31. Mai eines Jahres für das Vorjahr zu melden. Betreiben Unternehmen eigene Anlagen zur Stromerzeugung, muss daher zunächst geklärt werden, ob sie diesen Strom ausschließlich selbst verbrauchen oder auch weiterleiten. Grundsätzlich müssen alle nicht dem Strom erzeugenden Unternehmen, sondern somit Dritten gehörende Geräte wie Kantinenherd, Getränkeautomat oder Ladesäule gemessen und separat abgerechnet werden. Ein Verstoß gegen diese Meldepflicht führt zur Zahlung der vollen Umlage-Höhe bis hin zu einem Bußgeld von bis zu 50 000 €. „Den Überblick über solche Meldepflichten zu behalten, ist nicht nur komplex, sondern auch sehr zeitintensiv“, erklärt Matthias Wingerath. „Es ist ein Vorteil, wenn man solche Sachverhalte bei der Planung eines BHKW mit bedenkt.“ Zum Thema Compliance nimmt er deshalb regelmäßig die Beratung des VEA in Anspruch. So weiß er, dass etwa einmal im Jahr die Meldung aller relevanter Vorjahresinformationen gegenüber dem zuständigen Netzbetreiber und dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) notwendig ist. • www.hauni.com, www.vea.de BWK BD. 71 (2019) NR. 12 33

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